Die purpurnen Flüsse Brummbullen im ewigen Eis
Die Kamera schleicht schmeichelnd in Nahaufnahme um die Leiche. Insektenfühler tanzen über die marmorierte Haut, blaue Adern schimmern. Das ist nicht nur schön eklig, sondern auch der Anfang des Films. Damit kommen die cineastischen Freunde des Morbiden voll auf ihre Kosten. Und nicht nur die, denn "Die purpurnen Flüsse" vereint all das, wonach der Kinobesucher schon seit längerem lechzt und was ergo die Kassen füllen sollte: Serienmorde, echte und grundverschiedene Männertypen, finstere Symbolik und eine schöne Frau.
Der Film beginnt klassisch: Der bärbeißige Inspektor Pierre Niémans, (gespielt von Jean Reno, Basset-äugiger denn je), wird in eine abgelegene Universitätsstadt in den Alpen geordert. Hoch in den Bergen ist eine Leiche gefunden worden, die mehr Rätsel aufgibt, als die gemeine Dorfpolizei bewältigen kann. Die Leiche wird obduziert und liefert einen für Niémans sofort ersichtlichen Fingerzeig in Richtung Gletscher. Dass es von nun an in Sachen Logik ein bisschen hapert, stört zwar etwas, aber der aufkommende Schauder lenkt gehörig davon ab.
In einiger Entfernung zu diesem Geschehen untersucht der nassforsche Max Kerkerian (Vincent Cassel) eine Friedhofsschändung. Das Grab eines kleinen Mädchens ist mit Hakenkreuzen beschmiert, und seltsamerweise ist auch ihre Schulakte gestohlen worden. Nur kurze Zeit später kreuzen sich die Wege der beiden Polizisten, und es kommt, wie es kommen muss: Die beiden müssen sich zusammenraufen, weil aus zwei Fällen einer wird. Unterdessen steigt die Anzahl der Leichen.
Die Kombination Brummbulle und cleverer Heißsporn mutet altbacken an, funktioniert aber allein wegen der französischen Konnotation: Lino Ventura und Patrick Dewaere winken von Ferne ihr "Adieu Bulle". Doch Regisseur Mathieu Kassovitz muss auch von Louis de Funès inspiriert worden sein, treten doch im Film immer wieder zwei depperte Dorfpolizisten in Erscheinung, die wie Schultze und Schulze aus "Tim und Struppi" mit ihren slapstickartigen Einlagen mächtig nerven. Überflüssig, denn die beiden Hauptfiguren bieten eigentlich schon Komik genug. Zum einen durch den Zusammenprall der kontrastierenden Charaktere, zum anderen durch die Furcht des harten Inspektor Niémans vor Hunden.
Dass eherne Männer sich in bedrückender Atmosphäre besonders unterhaltsam vor Tieren ängstigen, zeigte einst schon Mickey Rourke mit seiner Hühner-Phobie. Nur, dass in "Angel Heart" der Voodoo für Beklemmung sorgte, während "Die purpurnen Flüsse" von einem faschistischen Kontext verdüstert wird. Das eigentliche Thema des Filmes, die genetische Elitenbildung, flicht sich eher unauffällig in den Handlungsverlauf ein. Grund dafür ist auch, dass man mit dem Anblick von Emblemen und dem Gedanken des Leistungsprinzips so vertraut ist, dass das faschistoide Moment daran erst dann deutlich wird, wenn man mit der Nase darauf gestoßen wird.
Für die Inszenierung dieses optisch dankbaren Themas holte sich Kassovitz Luc Bessons Leib- und Magen-Kameramann Thierry Arbogast an seine Seite. Große Bilder in gedecktem Beige-Blau sättigen das Auge, Freunde der langen Kamerafahrten werden sich die Hände reiben. Nichts erinnert hier noch an Kassovitz' letzten Film "Hass" ("La Haine") von 1995, denn die Optik der "purpurnen Flüsse" ist amerikanisiert. Zwischen den Panoramen blitzt jedoch hin und wieder eine gute Idee auf: Während eines Kampfes zwischen dem heißblütigen Max Kerkerian und einem ihm verdächtigen Subjekt läuft im Hintergrund der Soundteppich einer Computerprügelei. Das verblüfft. Game over.
Was noch fehlt, ist die bezaubernde Frau. Fanny Ferreira findet die erste Leiche, heißt im wahren Leben Nadja Farès und absolvierte für den Film ein Hochleistungstraining, weil sie fürchtete, am Ende als eine Art "Bond-Girl in Erinnerung" zu bleiben. Ob das eine wirksame Gegenmaßnahme war, sei dahingestellt. Genutzt hat es eh nichts, was aber weniger an ihr liegt, sondern am leider unsinnigen Ende des Filmes. Da wird in den Alpen geshowdownt, was das Zeug und Produktionsbudget hergibt. Schade eigentlich.
Zu guter Letzt sitzen die beiden Haudegen Arm in Arm im actionzerpflügten Schnee, während sich die Kamera langsam über die Gipfel hinweg davonmacht. Dieses Bild nimmt man dann mit aus dem Kino, gruselt noch ein bisschen nach und überlegt sich dann, dass man unbedingt mal wieder einen Film mit Lino Ventura ansehen sollte.
"Die purpurnen Flüsse" ("Les Rivières pourpres"). Frankreich 2000. Regie: Mathieu Kassovitz; Buch: Jean-Christophe Grangé nach seinem Roman, Mathieu Kassovitz; Darsteller: Jean Reno, Vincent Cassel, Nadja Farès, Jean-Pierre Cassel; Länge: 102 Minuten; Verleih: Tobis/StudioCanal. Start: 19. April 2001.