"Die Royal Tenenbaums" Wunderkinder in der Dauerpubertät
Seine Anzüge seien Maßanfertigung, wird kolportiert, und immer zwei Nummern zu klein. Seine Filme hingegen wirken wie gewagte Improvisationen: zwei Nummern zu groß, zumindest für einen Anfänger. Wes Anderson hat erst drei Filme gedreht, und schon verehrt ihn die Kritik, lieben ihn die Stars. Wie die Figuren seiner Filme ist er, das große Talent, in noch größeren Schwierigkeiten. Denn seine Fans, die Feuilletons, Hollywood, sie alle erwarten viel von ihm.
Frühes Talent und späte Nöte: Das ist auch das Motiv, das "Die Royal Tenenbaums" mal zärtlich-traurig, mal bissig-kauzig durchspielen. Eine Familie, zusammengesetzt aus klugen Köpfen mit schrillen Spleens, irgendwo zwischen Woody Allen und "Die Manns". Oberhaupt der so talent- wie sorgenreichen Bande ist Royal (Gene Hackman), der verstoßene Patriarch, der sich erneut zum pater familias aufschwingen will. Doch der Clan ist dagegen: Margot (Gwyneth Paltrow), die literarisch hoch begabte Adoptivtochter und heimliche Kettenraucherin ebenso wie Chas (Ben Stiller), das Finanzgenie, das nach dem Verlust der Ehefrau seine beiden Söhne in Trainingsanzüge steckt und mit abstrusen Katastrophenübungen malträtiert, und Richie (Luke Wilson), ein ehemaliges Tennis-As mit gebrochenem Herzen. Auch Royals gerade frisch verliebte Ehefrau Ethel (Anjelica Huston) ist alles andere als erfreut von der Rückkehr des Alten. Einzig Eli (Owen Wilson), der Jungautor im Buffalo-Bill-Outfit, bleibt gelassen - dank exzessiven Konsums verbotener Substanzen.
Die Frühvollendeten wollen im Elternhaus dennoch noch einmal von vorn beginnen - schließlich ist Royal sterbenskrank und will eine Chance zur Aussöhnung. Doch seine Malaise entpuppt sich schnell als weiterer Kniff, die Verwandtschaft zu gängeln. Die quittiert's ihm mit viel Zank und dem unbedingten Wunsch, des Vaters Versagen am Beispiel der eigenen Zerrüttung vorzuführen. Dass die eigensinnige Familienchronik dann doch noch eher heiter als wolkig enden kann, liegt am erwähnten märchenhaften Gestus der Geschichte: Obwohl Teil einer urbanen, ins Extreme verfeinerten Kultur, sind die schrullig-schrägen Wunderkinder Verzauberte im Bann von Einsamkeit und Kummer. Erlösen kann sie - wie sollte es anders sein - nur die Liebe.
Die Kritik an Andersons Phänomenologie der Stadtneurotikers fiel zwiespältig aus: Die einen lobten seinen anspielungsreichen Stil, der Zitate aus Hoch- und Popkultur zu einer feinsinnigen Themen- und Bildcollage verknüpfen kann. Andere warfen ihm intellektuelle Eitelkeit und handwerkliche Mängel vor: Mit seinem Co-Autor Owen Wilson habe er ein lediglich oberflächliches Figurenpotpourri geschaffen, dessen Geschichte in dramaturgischer Schlamperei zerfasert. Beides ist richtig und greift doch zu kurz, um den schwebenden, eigensinnigen Stil von Andersons Kino zu fassen.
"Rushmore" und die "Tenenbaums" sind Filme, die die straffe Dramaturgie, die dramatische Konsistenz nicht mehr brauchen: sie bebildern ihr Sujet skizzenhaft mit Anspielungen, Impressionen - und dennoch mit erstaunlicher Präzision. In den "Tenenbaums" genügt eine Zigarettenmarke, ein Pop-Song oder das Interieur eines Salons, um eine Situation pointiert zu erfassen und gleichzeitig ein Netz an Bedeutungen auszuspannen. Wer Gwyneth Paltrow im Achtziger-Jahre-Piqué-Kleidchen zu der Musik von Nico schmachten oder Luke Wilson, umringt von Spielzeugautos, träumen sieht, wird verstehen, was hier gemeint ist.
Es stimmt: Psychologischen Realismus wird man in den "Tenenbaums" - Porträt einer dysfunktionalen Familie hin oder her - lange suchen müssen; das Retardierende, Vorläufige der Figuren, ihre dauernde Wunderkinder-Pubertät und -Revolte ist vielmehr ein strukturelles Moment, durch das sich der Film auf jede Szene hin neu entwerfen kann, ohne in Beliebigkeit zu zerfallen. Das macht Anderson nicht zu einem meisterlichen, aber zu einem sehr zeitgemäßen Filmemacher: Zwischen den Verunsicherungs- und Auslöschungsszenarien eines David Lynch und den bedenklichen Inszenierungen des männlich-geschundenen Körpers im aktuellen Kriegsfilm ist noch ein Plätzchen frei. Man muss kein Genie sein, um den Reiz eines solchen Kinos zu erkennen.
"The Royal Tenenbaums". USA 2001. Regie: Wes Anderson; Buch: Wes Anderson, Owen Wilson; Darsteller: Gene Hackman, Anjelica Huston, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow, Luke Wilson, Owen Wilson, Danny Glover, Bill Murray, Seymour Cassel; Produktion: American Empirical; Touchstone Pictures; Verleih: Buena Vista; Länge: 109 Minuten; Start: 14. März 2002