"Die Wutprobe": Wer schlägt, wird selig - DER SPIEGEL
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"Die Wutprobe" Wer schlägt, wird selig

P.T. Andersons herrlich schräge "Punch-Drunk Love" war nur ein kurzer Ausflug: Mit der Slapstick-Komödie "Die Wutprobe" kehrt der Komiker Adam Sandler zurück in sein Metier der biederen US-Massenware. Als sanftmütiger Loser lernt er ausgerechnet von Jack Nicholson, wie man sich als Amerikaner richtig durchs Leben schlägt.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei Jack Nicholson geht alles. Er hat drei Oscars gewonnen, ein halbes Dutzend Klassiker der Kinogeschichte gedreht und es mit genüsslichem Understatement zu einem Ruf als Frauenheld geschafft. Seine erotische Ausstrahlung entsteht vor allem durch ein Grinsen, das inzwischen sein Markenzeichen ist und meist fälschlicherweise als diabolisch bezeichnet wird. Es ist eher animalischer Natur, ein viriles Mienenspiel, das Angriffslust und Alpha-Attitüde signalisiert und in Nicholsons neuem Film "Die Wutprobe" als psychologisches Spiegelbild dient.

Nicholsons Image und seine Rolle als Therapeut Buddy Rydell stehen im absoluten Gegensatz zu denen von Adam Sandler, dem eigentlichen Hauptdarsteller des Films. Sandler hat null Sex-Appeal und Schauspieltalent und dennoch mit vier Filmen so viel Geld eingespielt wie die von Nicholson in fast vierzig Jahren. Mit seinen thematisch und charakterlich ähnlichen Figuren bedient er vor allem den Humor pubertärer oder frustrierter Durchschnittsamerikaner. Als anarchischer Depp ("Happy Gilmore"), einfältiger Außenseiter ("Waterboy") oder gutmütiger Provinzler mit Hang zur Rüpelhaftigkeit ("Mr. Deeds") leidet er unter einer manipulierenden, arroganten Umwelt, gegen die er sich letztlich nur mit physischem Einsatz zu wehren vermag.

Zuletzt spielte Sandler in "Punch-Drunk Love" einen Neurotiker, dessen aufgestaute Ängste und unterdrückte Gefühle sich unkontrolliert in kurzen Aggressionsausbrüchen entladen. Die wahnwitzige Romanze von P.T. Anderson war für ihn eine filmische Kür, während er nun mit "Die Wutprobe" unter der Standardregie von Peter Segal wieder zur Pflicht übergegangen ist. Sein Angestellter Dave Buznik passt sich exakt Sandlers bekanntem Repertoire an. Er ist sanftmütig, ohne Selbstbewusstsein und auffällige Eigenschaften. Sein Chef übergeht ihn seit Jahren bei der Beförderung, und seit einem Trauma in der Kindheit mag er seine Freundin Linda (Marisa Tomei) nicht in der Öffentlichkeit küssen. Dave ist so leise und devot, dass man sich von ihm irgendwann gereizt fühlt. So provoziert bei einem Flug seine bloße Bitte um einen Kopfhörer einen unfassbaren, zum Brüllen komischen Streit, bis ein Sicherheitsmann dem vermeintlichen Streithahn einen Elektroschock versetzt.

Eine Richterin verurteilt Dave zu einer Anti-Aggressions-Therapie bei Buddy Rydell. Der wiederum scheint selbst mehr ein Psychopath denn ein Psychiater zu sein. Nicholson spricht jeden Satz aus, als knirsche er mit den Zähnen, und zündelt unentwegt lustvoll mit verbalem Dynamit. Er quartiert sich bei Dave ein, legt sich nackt zu ihm ins Bett, setzt ihn erst einer transsexuellen Prostituierten (Woody Harrelson) aus und dann zum Flirt auf eine scharfe Blondine (Heather Graham) an. Als Buddy auch noch dessen Chef beleidigt und mit Linda anbändelt, sind nicht nur Daves Nerven ruiniert, sondern auch sein Leben.

Buddys "Anger Management", so der Originaltitel, wendet sich an alle vom Alltag geplagten Menschen, die schon immer mal im Stau hupende Fahrer anbrüllen oder einen Wagen, der das eigene Auto zugeparkt hat, mit einem Baseballschläger demolieren wollten. Reaktionen, die in unserer psychologisierten und reglementierten Welt als steinzeitliche Schwäche ausgelegt werden. Statt salbungsvoll Konfliktlösungen anzumahnen, sich bei Urschrei-Sitzungen, durch Trommeln oder Tanzen abzureagieren, werden hier die Instinkte eingefordert. Darin liegt ein Reiz von Subversion und Selbstbestimmung, all das also, was ausgerechnet Nicholsons rebellischem Charakter in "Einer flog übers Kuckucksnest" zum Verhängnis wurde.

"Die Wutprobe" ist allerdings kein umstürzlerisches Werk, sondern soll Dave ganz archaisch zu einem richtigen Mann machen - und folgt damit dem American Way Of Life. Nur die Starken überleben. Wer Konfrontationen scheut und sich gängeln lässt, verschuldet seine irrelevante Existenz selbst. Als Beweis für die Coolness einer solchen Haltung dient ein Cameo-Auftritt vom Wüterich John McEnroe. Der ironische Ansatz hinter der Wahrheit, dass es schlicht gut tut, manchen mal richtig auf die Fresse zu hauen, blitzt hier zwar immer wieder auf, wird im Schlussakt jedoch an eine reaktionäre Romantik verschenkt.

"Die Wutprobe" ist nicht so zotig ungehobelt wie Sandlers frühere Filme, aber auch nicht so klug und märchenhaft absurd wie "Punch-Drunk Love". Im Fahrwasser von "Reine Nervensache" mit Billy Crystal und Robert De Niro ist es jedoch durchaus kurzweilig amüsant, dem ausgelassenen Slapstick zuzusehen. Adam Sandler dürfte jetzt auch hierzulande an Popularität gewinnen, während Jack Nicholson als Menschenhasser in "Besser geht's nicht" tatsächlich besser war.

"Die Wutprobe" ("Anger Management"): USA 2003. Regie: Peter Segal; Drehbuch: David Dorfman; Darsteller: Adam Sandler, Jack Nicholson, Marisa Tomei, John Turturro, Woody Harrelson, Heather Graham, John C. Reilly; Produktion: Happy Madison Productions, Revolution Studios; Länge: 106 Minuten; Verleih: Columbia; Start: 8. Mai 2003