"Die Zwillinge": Schuld und Sühne - DER SPIEGEL
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"Die Zwillinge" Schuld und Sühne

Gibt es einen freien Willen, oder sind wir ohnmächtig den Zeitläufen ausgeliefert? Tessa de Loo hat diese Frage ins Zentrum ihres Romans "Die Zwillinge" gestellt; Regisseur Ben Sombogaart hat den Text mit exzellenten Darstellern für die Leinwand übersetzt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erzählt wird die Geschichte zweier Zwillingsschwestern, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern im Jahr 1923 auseinander gerissen werden. Anna (Nadja Uhl), die Patentere der beiden, kommt auf einem Bauernhof bei Köln unter. Die erzkatholischen Besitzer nutzen das Mädchen in schlimmster Weise aus: Um sie vom Schulbesuch fernzuhalten, lässt man sie als schwachsinnig erklären; sie wird als Dienstmagd abgerichtet, die man schinden und demütigen kann. Die tuberkulosekranke Lotte (Thekla Reuten) hat weitaus mehr Glück: Sie wird von holländischen Verwandten aufgenommen, die sie gesund pflegen und im bildungsbürgerlichen Portestantenhaushalt willkommen heißen.

Die Weichen sind gestellt: Weil ein SS-Offizier Anna vor der unmenschlichen Knechtung auf dem Bauernhof rettet, wird sie zur Nationalsozialistin, eine naiv-dankbare Mitläuferin. Lotte hingegen mausert sich zum politischen Freigeist, der das Nazi-Regime verachtet.

Fast zwei Jahrzehnte später treffen die beiden wieder aufeinander. Lottes Verlobter David wurde nach der Besetzung Hollands nach Buchenwald verschleppt und ermordet, Annas Ehemann fiel als "Held" des Regimes. Es ist kein glückliches Widersehen: Lottes Hass auf Anna sitzt tief, und erst im hohen Alter werden sich die beiden Schwestern wieder annähern.

Anhand zweier dramatisch verknüpfter Biografien riskiert Sombogaarts Film eine Spekulation über das Verhältnis von persönlicher Verantwortung und der Macht historischer Entwicklungen. Beherrscht wird das sich von 1920 bis in die Gegenwart ausspannende Lebensbild von dem Wunsch nach Aussöhnung - über die Grenzen von Schuld und Versagen hinaus.


"Die Zwillinge" ("De tweeling")

Niederlande/Luxemburg 2002. Regie: Ben Sombogaart. Buch: Marieke van der Pool. Darsteller: Nadja Uhl, Thekla Reuten, Gudrun Okras, Ellen Vogel. Produktion: IdtV Film. Verleih: Kinowelt. Länge: 137 Minuten.