Disneys Streaming-Service Der Kampf hat begonnen
Szenenbild aus dem Disney-Film "Star Wars: The Last Jedi"
Foto: DisneyMit einem eigenen Sport-Angebot entert der Unterhaltungskonzern Disney den Streamingmarkt in den USA: Für fünf Dollar im Monat kann man ab dem 12. April Spiele und Veranstaltungen unterschiedlicher Sportarten und Ligen live oder on demand auf ESPN plus verfolgen. Und das ist nur der Anfang: Über Hulu, einer Partnerschaft von Disney, Time Warner, Comcast und 21st Century Fox, mischt Disney schon seit mehr als zehn Jahren im Entertainment-Streaming mit. Im Herbst 2019 aber will der Mickymaus-Konzern seinen eigenen Dienst launchen.
Disneys Schritt könnte Netflix, Amazon Prime, HBO Go, Hulu und YouTube TV unter erheblichen Druck setzen. Zu Disneys Filmothek zählen dank der Eingemeindung von Studios wie Lucasfilm, Pixar und Marvel einige der besten Blockbuster der vergangenen Jahrzehnte. Disney will seinen Service zudem preisgünstiger anbieten als die Konkurrenz.
Man werde "deutlich niedriger" als Netflix' Monatsgebühr von elf Dollar liegen, sagte Disney-Chef Bob Iger im November, "weil wir deutlich weniger Volumen haben." Disneys Chefstratege Kevin Mayer sagte, Ziel sei keineswegs, Netflix plattzumachen. Sollte allerdings Disneys geplante Übernahme von 21st Century Fox von den Kartellwächtern abgesegnet werden, entert hier ein wahres Mammut das Streaminggeschäft.
Serien sind nicht das Problem
Netflix, mit 117 Millionen Abonnenten der derzeitige Elefant auf dem Markt, stieg 2012 mit "Lilyhammer" in die Eigenproduktion ein und macht seither mit Serien wie "House of Cards", "Orange is the New Black" und zuletzt " Stranger Things" wegweisendes Fernsehen. Mit Milliardeninvestionen und einem vielgelobten kreativen Klima hat sich der 1997 als DVD-Versand gegründete Konzern breitbeinig in der Branche aufgestellt.
Zuletzt gelang es dem Programmchef Ted Sarandos, mit Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy", "Scandal") die vielleicht derzeit erfolgreichste TV-Macherin Amerikas von ABC abzuwerben und mit Ryan Murphy den Mann zu verpflichten, der mit Serien wie "Nip/Tuck", "Glee" sowie Anthologien wie "American Horror Story" das amerikanische Fernsehen geprägt hat wie kaum ein zweiter. Außerdem ist mit David Letterman Amerikas berühmtester Talkmaster inzwischen bei Netflix auf Sendung.
Aber unter Druck ist die Filmothek von Netflix. Bisher hat Netflix das Exklusivrecht für die Ausstrahlung von Disney-Produktionen seit 2016 auf dem amerikanischen Markt, also auch für die Blockbuster von Lucasfilm, Marvel und Pixar. Die derzeitigen Verträge sollen aber Ende 2019 auslaufen, dann wird Disney seine Filme selbst streamen.
Zur Hälfte Originale
Netflix-Chef Reed Hastings betonte zwar, dass der Konzern den Großteil seines Wachstums in Übersee verzeichne, wo Disney-Produktionen nicht zu sehen sind. Aber im Oktober, zwei Monate nachdem Disneys Pläne öffentlich wurden, kündigte Netflix an, die eigene Filmothek künftig zu 50 Prozent mit Originalproduktionen auszustatten.
Allein in diesem Jahr will der Konzern acht Milliarden Dollar in den Ausbau seiner Programmbibliothek stecken, 25 Prozent davon in die Entwicklung und Herstellung eigener Serien und Filme. 2017 beliefen sich die Investitionen auf sechs Milliarden Dollar. 80 eigene Filme sind bei Netflix in diesem Jahr in Planung, eine Verzehnfachung des Volumens von 2017.
Der Haussegen hängt schief
Und die anderen Anbieter? Amazon, wo man seit 2008 Video-Inhalte zum Streamen anbietet und 2010 Amazon Studios launchte, investierte im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden in seine Bibliothek. Unter dem Programmchef Roy Price brachte der Versand-Gigant zahlreiche bemerkenswerte Serien hervor, etwa die vielfach preisgekrönte Transgender-Familienkomödie "Transparent" und die ebenfalls ausgezeichnete Dramedy "The Marvelous Mrs. Maisel".
Bisher allerdings konnte sich keine der Serien zu großen Zuschauermagneten mausern. Und nachdem Price sexueller Angriffe beschuldigt wurde und vergangenen Oktober seinen Hut nehmen musste, hängt bei Amazon der Haussegen schief - zumal im Zuge des Weinstein-Skandals auch noch ein hochkarätiges Projekt von David O'Russell mit Robert De Niro und Julianne Moore platzte.
Aber Amazon hat das nötige Kleingeld, um noch groß aufzutrumpfen: Derzeit plant man eine Serien-Adaption vom "Herrn der Ringe", allein für die Rechte soll der Versand-Gigant 200 Millionen Dollar hingeblättert haben, um Netflix auszustechen. Schätzungen zufolge wird die Serie, deren Produktion 2020 beginnen und nach Aussage von Amazon-Chef Jeff Bezos das neue "Game of Thrones" werden soll, mehr als eine Milliarde Dollar kosten.
Wer soll das alles sehen?
Tech-Giganten wie Facebook, Google und Apple wollen ebenfalls mitmischen - letzterer Konzern hatte im Sommer zwei Top-Manager von Sony Television abgeworben und angekündigt, eine Milliarde Dollar in Eigenproduktionen zu investieren, darunter in eine Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon. Facebook will für seine Plattform Watch ebenfalls eine Milliarde aufbringen. Google ließ verlauten, es wolle Serien mit Budgets von bis zu drei Millionen pro Episode produzieren.
Wer das alles sehen soll, ist noch nicht klar, und ob Disneys Verwurstung von Kassenschlagern - geplant sind unter anderem Serienversionen von "High School Musical" und " Star Wars" - viele Fans findet, bleibt abzuwarten. Im vergangenen Jahr wurden in Amerika 487 gescriptete Serien produziert. 2009, als die zweite Staffel von "Breaking Bad" lief, waren es 210.
Auswirkungen könnte Disneys Auftritt auf dem Streamingmarkt aber auch fürs traditionelle Fernsehen in Amerika haben. Experten sehen Spartenkanäle wie den Sportsender ESPN, der ebenfalls zu Disney gehört, als Grund dafür, dass viele Leute weiterhin Fernseh-Abos über die lokalen Kabel- oder Satellitenanbieter haben. Mit ESPN plus ist ein großer Teil dieser Inhalte nun auch als Streaming-Abo verfügbar. Dem traditionellen TV könnte Disneys Offensive so den endgültigen Todesstoß versetzen.