"Dolphins" Viel Hype um Mädchenkitsch
Steven Spielberg brauchte für seinen Erstlingsfilm 20.000 Mark. Eduardo Sanchez und Daniel Myrick drehten ihr "Blair Witch Project" mit rund 100.000 Mark. Farhad Yawari tat es nicht für unter 4,5 Millionen. Die Entstehungsgeschichte seines Kurzfilms "Dolphins" folgt dem klassischen Muster vom "Triumph des Underdogs": Nach drei Monaten Studium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) sollte der damals 20-jährige Yawari eine Kameraübung abliefern. Doch sein Konzept, das Märchen eines verträumten Mädchens, das aus einer Irrenanstalt flieht, verlangte aufwendige Unterwasser-Aufnahmen und Kameraeffekte. Ein Unding, selbst an der mit relativ üppigen Etats ausgestatteten HFF.
Yawari entschied sich für den Studienabbruch, um sein Traumprojekt durchzuziehen. Immerhin fand er moralische Unterstützung bei Doris Dörrie, doch gleichzeitig sagten ihm elf deutsche Filmfördergremien ab. Gemeinsam mit seinem Produktionsleiter Florian Wupperfeld erbettelte er sich Stück für Stück Büro- und Filmmaterialien.
Und langsam begann ihre kleine Traumfabrik Resultate zu produzieren: Schauspieler wie Jürgen Vogel und Nicolette Krebitz sagten ihr kostenloses Mitwirken zu. Ein Spendenaufruf im "Jetzt"-Magazin der "Süddeutschen Zeitung" mobilisierte private Sponsoren. Auch Unternehmen wie Pro Sieben, Arri oder die Effektfirma Das Werk stellten nun Geld und Sachleistungen zur Verfügung. Dank einer derartigen Polsterung konnte Yawari sogar einen mehrwöchigen Dreh auf den Bahamas durchziehen.
Die Eigendynamik dieses Projekts erfasste auch den deutsche Soulstar Xavier Naidoo, der sich bereit erklärte, den Titelsong des Films zu komponieren. Erfolge bei US-Festivals der zweiten Kategorie, etwa in Palm Springs, und Jubelrufe von bedingt bekannten US-Kritikern, die Yawari schon zum nächsten Spielberg ausriefen, lieferten weitere Bausteine für den "Dolphins"-Hype. Angeblich erhielt der Jungregisseur sogar Angebote für Filme mit Winona Ryder und Richard Gere. Indes: Keines der Drehbücher hat sein "Herz berührt".
Der mittlerweile 25-jährige Yawari hatte es auch gar nicht nötig. In der deutschen Heimat begann die Medienmaschinerie auf Hochtouren zu laufen. Natürlich ließen sich die Förderanstalten nicht mehr lumpen und gewährten dem Filmchen, dem sie keine Chance gegeben hatten, Verleihsubventionen. Aus dem romantischen Traum eines jungen Filmstudenten wurde ein "Event Picture", gepusht von Werbepartnern wie Viva, EastWest Records und JustBooks.de.
Die Erfolgsstory von "Dolphins" funktioniert so perfekt, dass man die Frage nach der Qualität des Films besser gar nicht erst stellt. Denn dann wird Yawaris Märchen zur Geschichte vom "Kaiser ohne Kleider". Inhaltlich ist sein Film nicht mehr als eine Einfachversion vom "Flug übers Kuckucksnest", die alle bekannten Klischees psychiatrischer Anstalten kombiniert: die phantasiebegabte Außenseiterin, der sensible Arzt, die clownhaften Patienten und nicht zuletzt die düstere Oberschwester.
Stilistisch bietet Yawari Kitsch im Exzess, blaue Blumen und Delfine, zelebriert in prätentiös gedehnten Einstellungen. Er begreift nicht, dass ein modernes Märchen neue, originelle Bildmotive und einen sensibel-scharfen Blickwinkel braucht und keine naive Verklärung. Da kann sein Film handwerklich noch so gediegen sein. "Mädchenkitsch" kanzelten ihn die Macher des Münchner Filmfests ab, die sein Werk nicht ins Programm aufnahmen.
Trotzdem hat "Dolphins" eine Entdeckung zu bieten: Als Vorfilm des Yawari-Streifens läuft "Queen's Park Story" von Barney Cokeliss, eine leichtfüßige Improvisation in Sachen Liebe. Aber Cokeliss ist als Engländer auch mit einer weniger schwülstigen Tradition belastet. "Farhad hat einen Haufen gute Geschichten auf Lager", meinte die "Jetzt"-Journalistin. Vielleicht zeigt er sie künftig auch auf der Leinwand.