DVD-Edition "Große Kinomomente": Eisige Objekte der Begierde - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DVD-Edition "Große Kinomomente" Eisige Objekte der Begierde

Manche Filme brauchen Jahrzehnte, um zum Klassiker zu werden, bei manchen geht es ganz schnell: Für die DVD-Kollektion "Große Kinomomente" hat der KulturSPIEGEL 50 kommende Klassiker ausgewählt. Wir stellen jede Woche einen neuen Film der Reihe vor. Heute: die Naturdokumentation "Unsere Erde".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Szene aus "Unsere Erde": Epische Weltreise

Szene aus "Unsere Erde": Epische Weltreise

Foto: DPA / Universum Film

Falls morgen die Welt untergeht, drehen wir noch heute einen Film darüber - nach diesem Motto haben der Brite Alastair Fothergill und seine Kollegen von der Natural History Unit der BBC im Jahr 2007 die bislang aufwendigste und teuerste Naturdokumentation aller Zeiten fertiggestellt.

"Unsere Erde" ist eine epische Weltreise in gut 90 Minuten vom Nord- zum Südpol - mit vielen Zwischenstopps auf allen Kontinenten und sehr telegenen Stars: Buckelwalen, Haien, Elefanten, Löwen, Paradiesvögeln und Eisbären.

Das klingt einfacher, als es ist. Tierdokumentationen bringen die Menschen, die sie machen, an ihre Grenzen. Das weiß ich, seit ich im April 2007 Regisseur Fothergill und sein Team bei der Arbeit beobachten konnte, bei Dreharbeiten auf dem norwegischen Archipel Spitzbergen, nur 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt. Drei Tage erkundeten wir auf Schneemobilen die bitterkalte Einöde entlang des 78. Breitengrads, immer auf der Suche nach Eisbären. Angeblich gibt es auf Spitzbergen noch rund 5000 Stück, ein Fünftel der Gesamtpopulation.

Grundsätzlich können Eisbären hier von allen Seiten kommen; im Zweifel beschleunigen sie schneller als ein Motorschlitten. "Manchmal wollen sie nur spielen", erzählte Fothergill. Doch damit tatsächlich niemand in der Wildnis gefressen wird, erfriert oder verhungert, begleiteten uns zur Sicherheit zwei ortskundige Bärenführer in die Arktis, bewaffnet mit Pfefferspray und schweren Revolvern.

Der Klimawandel, unterschwelliges Thema des gesamten Films, war auch auf Spitzbergen spürbar, allerdings anders als gedacht: Das Wetter änderte sich alle zehn Minuten. Sonne, Nebel und Schneestürme wechselten einander ab. Bei Schneetreiben verschwimmen Himmel, Horizont und Boden in der Arktis zu einer einzigen hellgrauen Wand. Mit etwas Glück erkennt man dann noch die Rücklichter des vor einem fahrenden Schneemobils. Ein Eisbär könnte direkt hinter einem herhecheln, ohne dass man ihn gleich bemerkt.

Nicht alle Einheimischen in der Arktis sind so unberechenbar. Wir beobachteten Rentiere, Robben und einen Polarfuchs, für mitteleuropäische Stadtbewohner eine Sensation. Doch Fothergill und Co. packten dafür nicht einmal ihre Kameras aus. Eisbären, die Objekte der Begierde, ließen sich bei dieser Expedition nicht blicken - Tierfilmeralltag.

Macht nichts. Im fertigen Film gibt es genug Eisbären zu sehen. Die spektakulärste Szene - ein Eisbär, der schwimmt - drehte Alastair Fothergill sogar selbst: vom Hubschrauber aus.