DVD-Edition "Große Kinomomente": Kopfsteinpflaster und Killerkomplexe - DER SPIEGEL
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DVD-Edition "Große Kinomomente" Kopfsteinpflaster und Killerkomplexe

Zum Leben zu öde, zum Sterben gerade Recht: Colin Farrell gibt in "Brügge sehen... und sterben?" den Auftragsmörder mit Gewissensbissen - gestrandet im verschlafensten Kaff Belgiens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich ist Martin McDonagh ein Mann des Theaters und nicht des Films, und doch hat der Dramatiker bei seinem Debüt als Spielfilm-Regisseur so ziemlich alles richtig gemacht, was man richtig machen kann.

Brendan Gleeson und Colin Farrell: "Brügge sehen ... und sterben?"

Brendan Gleeson und Colin Farrell: "Brügge sehen ... und sterben?"

Foto: Cinetext

Die schwarzhumorige Killerkomödie "Brügge sehen ... und sterben?" ist einer jener kleinen, liebevoll durchkomponierten Filme, bei denen man zu Hause im Fernsehsessel applaudieren mag. Wie im Theater. Der Titel ist eine Wucht, die Musik auch, der Schauplatz natürlich und das Schauspieler-Duo Colin Farrell und Brendan Gleeson sowieso.

Am Beginn gibt es nichts zu meckern, am Schlusseffekt erst recht nicht, und wenn die Geschichte um zwei Mörder mit Moral mittendrin kurz durchzuhängen scheint - wer weiß, vielleicht ist selbst das McDonaghs Absicht.

Im Original heißt der Film ganz schlicht "In Bruges", so dass wir es mit einem der seltenen Fälle zu tun haben, in denen der deutsche Verleih einen schlagenderen Namen gefunden hat. Der Titel klingt wie der Werbespruch eines Fremdenverkehrsbüros, und ist fraglos einer der eingängigsten des Kinojahres 2008. Durchaus denkbar, dass der Film das Image des Provinzstädtchens noch etwas mehr gepusht hätte, wenn Brügge nicht ständig als Scheißkaff beschimpft würde.

Der Auftragskiller Ray, ein jugendlicher Draufgänger, gespielt vom hibbeligen Colin Farrell, hat in einem Londoner Beichtstuhl einen Pfarrer erschossen, doch dabei einen folgenschweren Fehler gemacht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Ken, eine Art väterlichem Freund, gespielt vom brummigen Brendan Gleeson, zieht er sich aus der Millionenmetropole nach Brügge zurück: in ein morbides Mittelalterstädtchen mit Kopfsteinpflaster und malerischen Kanälen.

Die Idylle wird zum Schauplatz einer makabren Mördergeschichte, und es ist dieser Gegensatz, aus dem der Film seinen Reiz entwickelt: Bewaffnete Männer in beschaulichen Straßen, das passt nicht, das wirkt absurd im Vergleich zu coolen Killern in New York oder London.

Unterlegt ist der Wahnsinnsfilm mit einer Wahnsinnsmusik von Carter Burwell, dem Haus- und Hofkomponisten der Coen-Brüder. Sein Soundtrack bietet all das, was die Brügge-Bilder auch bieten: Er ist idyllisch, bedrohlich, morbide, traurig - und manches wiederholt sich. Nach etwa einer Stunde könnten einen Burwells Endlosschleifen geradezu einschläfern, aber ein kleines Nickerchen ist hier nicht möglich. Todsicher. Normalerweise langweilt man sich in Brügge eben zu Tode, aber sterben, das zeigt Regisseur McDonagh, kann man dort sehr aufregend.