E-Mail aus Hollywood Blockbuster ohne Risiko
Die Gentlemen waren in geheimer Mission unterwegs. Im Privatjet nahmen sie vom kalifornischen Burbank aus Kurs auf Chicago.
In einem Kino in der "Windy City" hatten die Manager der Warner-Studios ein so genanntes Testscreening ansetzen lassen, eine von einem Marketingunternehmen organisierte Testvorführung des "Harry Potter"-Films, der ab 16. November vor allem die Kids in die Kinos locken soll.
Keiner der vom Marketingteam ausgewählten Zuschauer wusste zuvor, welchen Film sie sehen würden, kein Journalist war geladen. Das Ergebnis der Befragung, so einer der Tester, war "phänomenal".
Seit Jahren erforschen die Filmstudios mit geheimen Testvorführungen lange vor der Premiere, wie das Publikum reagiert. Nicht selten werden daraufhin Szenen umgeschnitten, ein Happy End eingebaut, oder Schauspieler ganz herausgenommen, eben weil die Zuschauer es so wollen. Zur Normalität Hollywoods gehörte also auch dieser "Potter"-Test, Wochen vor dem 11. September. Nach den Terroranschlägen haben diese Tests allerdings erhöhte Priorität bekommen - Hollywood ist verunsichert: Ist in einer Zeit des Terrorismus, der Trauer und der Angst noch Humor und Satire angebracht? Wie viel Gewalt ist das Publikum bereit fortan hinzunehmen?
Noch ist nicht abzusehen, welche Gefühle und Stimmungen Hollywood dem traumatisierten Amerika zumuten kann: Werden Musicals und Romantik den Krieg verdrängen, Tiefe den Terror? Für 45 Hollywood-Produktionen sind inzwischen die Premiere-Termine verschoben worden, sogar für so patriotische Werke wie "Windtalkers", die Geschichte der Navajo-Funker im Zweiten Weltkrieg.
Muss Hollywood tatsächlich umdenken oder nur abwarten, bis sich das Kino-Volk vom Schock erholt hat und wieder bereit ist, sich von der inszenierten Gewalt verführen zu lassen, eben weil Gewalt auch amerikanische Wirklichkeit symbolisiert? Die Inszenierung dieser Gewalt brachte Hollywood zwar Milliarden, aber Amerika auch ein negatives Image - eine Gesellschaft die dem Konsum verfallen ist, und Kultur danach bewertet, wie sie sich an der Börse auszahlt.
"Lasst ihn überleben"
Im Jahr 2000 spielten die in den USA produzierten 508 Filme insgesamt 7,7 Milliarden Dollar ein. Lediglich 72 Filme setzten mehr als 20 Millionen, 28 mehr als 10 Millionen Dollar um. Die verbleibenden 408 Produktionen kamen nicht einmal auf 10 Millionen. Die Vermarktungskosten einer Hollywood-Produktion werden auf rund 27,2 Millionen Dollar beziffert. Ein durchschnittlicher Studiofilm kostet in Produktion und Marketing etwa 82,1 Millionen Dollar.
Je teurer die Filme werden, desto mehr versuchen sich die Produzenten, Finanziers und Versicherungen gegen Verluste abzusichern. Das Filmgeschäft, so Hollywood-Superstar Mel Gibson, "ist ein gigantisches Glücksspiel, bei dem du einen Batzen verlieren kannst." Deshalb entscheiden letztlich auch die Zuschauer mit, noch bevor die Filme ins Kino kommen, wie sie aussehen sollen: Marketingfirmen wie die National Research Group setzten für die Produzenten ausgewählte Zielgruppen zusammen, die von den Studios vorgegeben werden. Nach den Testscreenings oder "Sneak Previews" bewertet das Publikum auf Fragebögen den Film und gibt detailliert Aufschluss über Einwände und Eindrücke. Eine Zuschauergruppe setzt sich darüber hinaus mit den Studiovertretern zusammen und analysiert das Werk.
Zuweilen testen Regisseure und Studios ihr Produkt ohne musikalische Untermalung oder in Überlänge bis zu sechsmal vor Testpublikum. Komödien-Experte Mel Brooks lässt bei Testvorführungen im Kino Mikrophone aufstellen, um zu erkennen, bei welchen Szenen die Zuschauer lachen und wann sie auf Witze nicht reagieren. Nach den ursprünglichen Vorstellungen von Steven Spielberg und Co. sollte "E.T.", der Außerirdische, auf der Erde das Leben aushauchen. Die Zuschauer entschieden jedoch: "Lasst ihn überleben." Oder wie sollte "Pretty Woman" enden, bevor die Fans im Kino abstimmten? Roberts sagte "Goodbye". Die Zuschauerentscheidung trieb sie wieder in die Arme von Richard Gere.
Oft genug müssen Szenen für Hunderttausende Dollar nachgedreht werden, weil die Studios eher den Testergebnissen trauen als den Instinkten ihrer Regisseure: nicht die Kunst hat Priorität, sondern der Kommerz. 2,32 Stunden lang war der "Cut", den Regisseur Richard Donner dem Publikum von seiner Western-Komödie "Maverick" vorspielte. Donner musste das Testergebnis nicht abwarten. "Das Publikum hat uns dokumentiert, was zu kürzen war." Dem Filmemacher reichte es "zu sehen, wann sie anfingen auf den Sitzen herumzurutschen, Popcorn zu kaufen oder das Klo zu bevölkern". Der rund 40 Millionen Dollar teure Streifen spielte nach Kürzungen und Korrekturen erfolgreiche 101,6 Millionen ein.
Der so genannte "Final" oder "Director's Cut", das letzte Wort bei der Gestaltung, bleibt nur den Großen der Branche überlassen, einem dutzend Regisseure vielleicht, die Steven Spielberg heißen, Ridley Scott oder Wolfgang Petersen. Sie lassen sich vertraglich zusichern, dass sie allein darüber entscheiden, wie der Film geschnitten wird, wer am Ende stirbt oder lebt und einsam durch die Wüste wandert.
Weniger angesehene Kollegen hingegen müssen sich den Forderungen der Studios nach dem korrigierenden Schnitt unterwerfen. Nicht selten geraten Regisseure deshalb mit den Produzenten aneinander und lehnen eine Identifizierung mit dem Film ab. Die Folge: Der Regisseur wird im Vorspann als "Alan Smithee" identifiziert, ein fiktiver Filmemacher, der für so manchen Hollywood-Streifen verantwortlich zeichnet. Ein Phantom, das Frust symbolisiert, über die gnadenlose Wirklichkeit von Hollywood.