"Ein heißer Coup": Die Falten der Zeit erkannt - DER SPIEGEL
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"Ein heißer Coup" Die Falten der Zeit erkannt

In Marek Kanievskas liebevoll inszenierter Gaunerkomödie "Ein heißer Coup" zeigt Paul Newman als schlitzohriger Gentleman-Gangster Henry Manning erneut, dass man auch im Kino würdig altern kann.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Langbeinig und heißkalt: Wie eine Bienenkönigin wird Linda Fiorentino von Männern umschwirrt, denen erst der Atem stockt und später das Herz stehen bleibt. Seit John Dahls Film-noir-Krimi "Die letzte Verführung" (1994) gilt die dunkelhaarige Schöne als Femme fatale, die immer dort auftaucht "where the money is", wie im Original ihr neuer Film mit dem einfältigen deutschen Titel "Ein heißer Coup" heißt. Darin spielt sie die ebenso frustrierte wie forsche Altenpflegerin Carol, die ihren langweiligen Ehemann mit einer greisen Bankräuber-Legende zu einem Überfall auf einen Geldtransporter anstiftet.

Henry Manning (Paul Newman) war einer der letzten großen Gentleman-Gangster, der drei Jahrzehnte die Polizei narren konnte, bis ihn ein dummer Patzer eher zufällig in den Knast brachte. Nun hockt er mit Handschellen im Rollstuhl. Ein Schlaganfall, erklärt sein Wärter dem Personal eines Seniorenheimes, das irgendwo in der amerikanischen Provinz liegt. Weil das Hospital des Gefängnisses überfüllt sei, müsse der prominente Häftling eine Weile hier untergebracht werden. Von der lethargisch gekrümmten Gestalt geht keine Gefahr aus, auch sein apathischer Blick weist keine Willensanstrengung auf. Flucht scheint ausgeschlossen.

Einige seltsame Zufälle machen Carol dann misstrauisch. Doch alle Versuche, dem angeblich hilflosen Patienten eine unbedachte Reaktion zu entlocken, sind vergeblich. Selbst als sie vor Henry strippt, auf seinem Schoß herumrutscht und ihm ihre Brüste unter die Nase reibt, rührt sich bei ihm nicht ein Glied. Es ist schon ziemlich vergnüglich, wie hier einer der letzten großen und lässigen Schauspieler animiert werden soll. Denn selbst noch in völliger Reglosigkeit spielt er einen jungen Nussknacker wie Dermot Mulroney (als Carols Mann Wayne) an die Wand. Dabei glaubt man manchmal, Paul Newmans typisch-verschmitztes Lächeln zu bemerken. Tatsächlich aber ist es seine Kunst, dem Zuschauer auch dies vorzugaukeln. Denn angeeignet aus Büchern der Gefängnisbibliothek, habe er mit dem Wissen über Selbsthypnose, Tantra und buddhistische Meditation die Symptome eines Schlaganfalls imitiert, erklärt Henry, nachdem Carol schließlich mit einem sprichwörtlich kühlen Wagnis seine Maskerade beendet hat. So funktionieren die Szenen auch als Vorspiel zweier ebenbürtiger Filmcharaktere.

Während Robert Redford in den Neunzigern noch immer Liebhaberrollen spielte und Clint Eastwood - immerhin mit einem Augenzwinkern - seine aus der Zeit gefallenen Haudegen, hat Newman die Falten der Zeit rechtzeitig erkannt und verkauft als gemütlicher Küchenonkel längst Salatsaucen. Ansonsten tritt er nur noch in kleinen Rollen oder Projekten auf. Zuletzt machte er im Melodram "Message In A Bottle" als Vater von Kevin Costner dessen neuer Freundin schnippische Komplimente, mit denen er früher wohl jedes Mädchen rumgekriegt hätte.

Zwar tanzt sein Henry als Charmeur alter Schule unter Waynes wütenden Blicken noch mal innig mit Carol, aber auch dies ist ebenfalls nur eine romantische Vorstellung, genau wie ihre Idee, mit ihm eine Bank ausrauben zu wollen. Erst ihr Plan, einen Geldtransporter zu stehlen und als falsches Wachpersonal die Einnahmen diverser Unternehmen zu kassieren, findet sein Wohlwollen.

Der noch relativ junge britische Regisseur Marek Kanievska ("Unter Null") hat den nun folgenden Coup in der Krimi-Tradition seiner Heimat als Präzisionsarbeit mit unaufgeregter Spannung und ohne Waffengebrauch inszeniert. Waynes Eifersucht verdirbt fast alles, aber damit wird letztlich alles im klassischen Sinne erst recht gut. Später betritt Carol mit Henry im Rollstuhl ein Juweliergeschäft und becirct den verunsicherten Verkäufer, er möge ihr unbedingt sofort den zu engen Ehering vom Finger trennen. In dieser Schlusspointe erfüllt sich nicht nur Carols Wunsch nach Romantik, sondern wird auch vortrefflich ein Genre resümiert, das einem mit viel Understatement immer zeigte, wo und wie das Geld am elegantesten zu holen ist.

"Ein heißer Coup" ("Where The Money Is"). USA 1999. Regie: Marek Kanievska; Drehbuch: E. Max Frye, Topper Lilien; Carroll Cartwright; Darsteller: Paul Newman, Linda Fiorentino, Dermot Mulroney, Susan Barnes; Verleih: AFM; Länge: 85 Minuten; Start: 20. Juli 2000