"Elephant" Die Stille vor den Schüssen
"Und vor allem: lass uns Spaß haben", sagt der Junge zu seinem Kumpel. Dann gehen sie zur Schule, martialisch in schwarzen uniformen Klamotten gekleidet und mit Sporttaschen voller Waffen und Munition - genau so, wie es im April 1999 an der Columbine High School in Littelton im US-Bundesstaat Colorado geschah. Er solle abhauen, es passiere gleich was, rufen sie noch einem Schüler zu, der im Vorübergehen gefragt hat, was sie denn hier vorhätten. Es wird ein Massaker, das Gus Van Sant in seinem mit dem Regiepreis und der Goldenen Palme von Cannes prämiertem Film "Elephant" mit befremdlicher Konsequenz und bizarrer Nüchternheit zeigt.
Es sind nur wenige Minuten am Ende von "Elephant", in denen die Schüsse die Normalität an einer High School in Portland, Oregon zerstören und eine Stille zerreißen, die Van Sant zuvor mit andächtiger Geduld aufgebaut hat. Nicht die beiden Massenmörder stehen im Mittelpunkt, sondern eine Gruppe von Jugendlichen an jener Schule, ihr Alltag, ihre Sorgen, Aufgaben und Hobbys. An jenem Morgen wird John (John Robinson) von seinem angetrunkenen Vater zum Unterricht gefahren, der fast ein parkendes Auto rammt. John übernimmt das Steuer und ruft in der Schule seinen Bruder an, damit der den Vater abholt. Eli (Elias McConnell) fotografiert im von Herbstlaub bedeckten Park ein junges Punk-Pärchen zum Thema Zufallsbegegnungen. Sie sollen ein "lustiges Gesicht" machen und sich küssen, bittet der melancholisch blickende Junge noch, bevor er in die Dunkelkammer der Schule geht.
Dort begleitet Van Sant mit geradezu endlosen, elegischen Kamerafahrten dann John, Eli und weitere Schüler durch die Gänge und Räume des Gebäudes. Der Ausgangspunkt dafür ist ein statisches Bild von einem Footballfeld, auf dem einige Spieler herumtoben. Im Vordergrund steht Michelle (Kristen Hicks), ein pummeliges Mädchen mit Brille. Lange harrt der Film in dieser Einstellung aus, bis sich im Hintergrund ein Spieler aus dem Pulk löst. Nate (Nathan Tyson) trägt eine rote Kapuzenjacke mit der Aufschrift Lifeguard über einem weißen Kreuz auf dem Rücken. Die Kamera folgt ihm beständig über den Sportplatz, durch die Türen und Korridore, vorbei an drei Mädchen, Brittany (Brittany Mountain), Jordan (Jordan Tylor) und Nicole (Nicole Georg), die ihm mit schwärmerischen Blicken verstohlen nachschauen, bis er seine Freundin Carrie (Carrie Finklea) trifft. Sie gehen zum Lehrerzimmer und kreuzen dort den Weg von John, den der Direktor wegen seines späten Erscheinens rügt. Immer wieder springt Van Sant dabei in der Zeit zurück, um dann mit der Kamera einer anderen Person zu folgen und aus deren Perspektive die gleiche Situation darzustellen.
Van Sant hat die Rollen ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt. Schüler aus Portland, die unter 3000 Bewerbern ausgewählt worden sind, bei ihren Dialogen improvisieren durften und eigene Erlebnisse einarbeiten sollten. Viel geredet wird allerdings nicht. Die knappen Sätze schnappt man nebenbei auf, skizzenhaft bleiben auch die Charaktere. Bände indes sprechen die Bilder, wenn Eli im Fotolabor schweigend die Negative entwickelt und Abzüge macht, Michelle sich nicht im Umkleideraum vor den anderen Mädchen entblößen mag und einsam quer durch eine riesige dämmrige Sporthalle eilt oder John verloren durch die Flure geht. In der Beiläufigkeit entsteht eine beklemmende Schönheit und surreale Poesie, hinter der sich persönliche Umstände und Gefühle auftun und sich das Porträt einer Jugend entfächert.
Unschuldig wirkt dieses dokumentarisch angelegte Szenario. Und jeder der hier vorgestellten Teenager könnte ebenso Täter sein wie Opfer werden. Alle sind irgendwie belastet, mit sich selbst beschäftigt, in sich gekehrt, was die hypnotische Stimmung des Films noch verstärkt. Dennoch traut man keinem ein Massaker zu. In einem Gay-Straight-Alliance Kurs diskutieren Schüler, ob Schwule immer auf den ersten Blick zu erkennen sind. Manche glauben das zwar. Doch das trifft ebenso wenig zu, wie auch Massenmörder nicht an eindeutigen Merkmalen zu identifizieren sind - obwohl das nach dem Unglück immer behauptet wird.
"Sobald man eine Erklärung liefert", sagt Van Sant über seine Intention, "werden fünf andere Möglichkeiten dadurch negiert." So richtig und lobenswert das auch sein mag, führt gerade dieser Versuch einer Objektivität zu Missverständnissen. Weil er keine Typologie verifizieren will, spielt Van Sant in den beiden Killern alle Klischees und Gegenbeispiele gegeneinander aus, bis man gar nichts mehr in ihnen sehen kann. Und zugleich sind sie trotzdem die einzigen Personen, denen Van Sant sich im Schlussakt ausführlicher nähert.
Alex (Alex Frost) übt Beethoven am Klavier, Eric (Eric Deulen) schmökert in einem Buch. Sie scheinen indes bald genervt von dieser (kulturellen) Betätigung und widmen sich einem Ballervideospiel. Sie sehen im Fernsehen eine Dokumentation über die Nationalsozialisten. "Hitler fürchtete das Intellekt und hasste Intellektuelle", sagt der Sprecher der Sendung, doch Eric interessiert nur, ob man Nazifahnen heute noch kaufen kann. "Ja", antwortet Alex, "wenn man bekloppt ist." Da beide noch nie ein Mädchen geküsst haben und wohl wissen, dass sie es auch nicht mehr erfahren werden, knutschen sie morgens miteinander noch unter der Dusche. Alex, der für das Blutbad einen präzisen Plan ausarbeitet, sieht man zuvor schon alleine an einem Klassentisch, wie er mit einer Papierkugel beworfen wird. Außenseiter sind Alex und Eric also allemal, und damit legt Van Sant sich doch etwas fest. Schließlich wird noch eine Maschinenpistole von einem Internet-Händler per Post geliefert. Van Sant bürdet den Jungs schlicht zu viele Hinweise auf. Nur Marylin Manson fehlt in der Auflistung.
Das Massaker vollzieht sich dann mit der gleichen Ruhe, wie zuvor die Routine an der Schule gezeigt wurde. Nur folgt die Kamera diesmal Alex und Eric bis zu jenen Orten, an denen man zuletzt Eli, Michelle oder Nate und Carrie gesehen hat. Getrennt schreiten sie die Räume und leeren Korridore ab. Als sie wieder zusammentreffen, erkundigen sie sich gegenseitig: "Wie viele hast du erwischt?" Dieser Satz knallt ebenso schmerzhaft wie die Schüsse.
"Elephant", USA 2003. Regie + Drehbuch: Gus Van Sant; Darsteller: John Robinson, Elias McConnell, Alex Frost, Eric Deulen, Nathan Tyson, Kristen Hicks, Matt Malloy, Timothy Bottoms; Produktion: Meno Films; Verleih: Kinowelt; Länge: 81 Minuten; Start: 8. April 2004