"Est-Ouest" Tristesse total
Mit einem Schock beginnt der Film. Zunächst singt eine Schar von Russen noch sehnsuchtsvolle Lieder; aus Liebe zur Heimat folgen die Emigranten anno 1946 Stalins Ruf zur Rückkehr. Kaum betreten sie russische Erde, werden sie misshandelt, deportiert und getötet. Tatsächlich sehen die Sowjets in den westlich geprägten Remigranten ausnahmlos feindliche Agenten. Alexei (Oleg Menshikov), der mit seiner französischen Frau Marie (Sandrine Bonnaire) und dem gemeinsamen Sohn aus Paris kam, hat es da noch gut: Als Arzt beherrscht er einen gefragten Beruf. Seine Familie wird in Kiew in einem einst herrschaftlichen Haus einquartiert, in dem nun Dutzende Menschen wohnen. Wie die erste Sequenz die Stimmung kippen lässt, von erwartungsfrohem Sentiment in beklemmende Totalitarismus-Tristesse, das ist von fast physisch spürbarer Schmerzhaftigkeit.
Während Alexei zumindest in der Sprache zu Hause ist und sich zu arrangieren scheint, begegnen seiner Frau, die ihm aus Liebe folgte, nur Missgunst und Misstrauen. Die Französin Marie, von Sandrine Bonnaire mit sympathischem Ernst gespielt, findet sich als ideale Stellvertreterin westlicher Zuschauer in einem fremden, finsteren und überwiegend feindseligen Land wieder. Ihren Pass haben Soldaten zerrissen, es gibt keinen Kontakt zur Außenwelt, bis es ihr gelingt, eine französische Bühnendiva (Nebenrolle für Cathérine Deneuve) anzusprechen. "Est-Ouest" überzeugt, solange er zwischen intensivem Kammerspiel im wahrsten Wortsinn (weil alle Freiräume wirklich immer und überall beengt sind) und altmodischem Ausstattungs-Melodram balanciert.
Als Spezialist für letzteres Genre hat sich Wargnier, der seine Karriere in den achtziger Jahren als Regieassistent unter anderem Volker Schlöndorffs startete, einen Namen gemacht. "Indochine" bescherte ihm einen Oscar und Ansehen auch in Russland. So kooperierte er beim Verfassen der fiktiven Geschichte nach wahren Vorbildern mit dem ebenfalls oscarnominierten Sergej Bodrow ("Gefangen im Kaukasus"). Dessen Sohn Sergej Bodrow Jr spielt einen "guten" Russen: den jungen Schwimmer Sasha. Er wird für Marie zum Gefährten in der Isolation wie auch zur personifizierten Hoffnung, da ihm über internationale Wettkämpfe der Weg in den Westen offen stehen könnte. Marie spornt ihn an, trainiert ihn, liebt ihn auch. Auf dem pathetisch inszenierten Höhepunkt schwimmt Sasha dann, per Parallelmontage vom kraftvollen Gesang eines Armeechors begleitet, ins Schwarze Meer hinein, dem man dabei ansieht, warum es seinen Namen trägt.
Sasha geht so viel kann verraten werden - in der gefahrvollen Situation nicht die Luft aus. Wohl aber dem Film selbst, der an dieser Stelle der Handlung noch längst nicht am Ende ist. Fortan allerdings rafft Wargnier seine Szenenfolgen dermaßen, dass sie nurmehr wie ein Zusammenschnitt eines viel längeren Mehrteilers anmuten. Gehetzt springt das so sorgfältig begonnene Werk einem thrillerartigen Ende entgegen. Angesichts unglaubwürdiger Verkürzungen bleibt jedoch auch die psychische Dimension der Figuren auf der Strecke. Letztlich ist der Nachhall gelungener Szenen bereits verpufft, bevor das Epos selbst am Ende ist - die Höchststrafe für einen Film. So drastisch, wie sie hier exekutiert wird, hat sie "Est-Ouest", der immerhin mit viel Aufwand eine vergessene Epoche der Zeitgeschichte rekonstruiert, nicht verdient.
"Est-Ouest - Eine Liebe in Russland": F, RUS, BUL, ESP 1999; Regie: Régis Wargnier; Darsteller: Sandrine Bonnaire, Cathérine Deneuve, Oleg Menshikow, Sergej Bodrow Jr, Ruben Tapiero; Verleih: UIP, Länge: 120 Min.