Fantasy Filmfest Ehrlicher Gruselfusel
Die Sternstunde des Kintopp schlug auf der "Reise zum Mond" - Science-Fiction, was sonst, und der erste Spielfilm der Welt, 1902 gedreht von Georges Méliès aus Paris, stumm, schwarzweiß, 260 Meter lang, was einer Dauer von 14 Minuten entspricht. Ein phantastischer Film. Seither ist der Lichtspielpalast die moderne Kultstätte für Mysterien, Mythen und Magie. Dort träumt der Zuschauer kollektiv von Liebe und Hass oder taucht ein in dunkle Anderwelten, Utopien, Grotesken, trifft auf Helden und Unholde, Grenz- und Wiedergänger, Werwölfe, Nekromanten und -phile, Aliens und Gespenster, auf immer neue hyper- und surreale Abenteurer. Das Genre lebt.
Wie sehr, ist dieser Tage - ab 23. Juli - zum 17. Mal in München zu besichtigen, wo das Internationale Fantasy Filmfest startet, um nach einer Woche seine Spur des Grauens quer durchs cineastische Sommerloch der Republik zu ziehen, über Stuttgart, erstmals Nürnberg, Köln, Frankfurt und Hamburg nach Berlin. Geboten wird dem Kenner ein mordsmäßiges Sortiment aus den Fachbereichen Science Fiction, Horror, und Thriller, die A-Klasse der B-Movies, teuerstes Hollywood neben Low-Budget, das nie einen Verleih findet, in keinem Kino landet.
Dass das Festival nebenher als Treffpunkt für kleine, schwierige Produktionen dient, schürt nur zusätzliche Vorfreuden und dürfte selbst ein Mainstream-Publikum interessieren. Neun Kurz- und 74 Spielfilme stehen auf dem aktuellen Programm, vorwiegend ehrlicher Gruselfusel: Tabu- und Knochenbrecher, Leichenteile, Blutrunst. Als hartgesottener Cop-Flick ragt Joe Carnahans "Narc" hervor mit einer Paraderolle für Ray Liotta, der außerdem im Eröffnungsfilm glänzt, James Mangolds grandios abgründigen Horror-Thriller "Identity". Der amerikanische Sci-Fi-Thriller "Cypher" des "Cube"-Regisseurs Vincenzo Natali erzählt zwar keine denkwürdige Geschichte, ist aber optisch brillant. Kaum minder bemittelt wirkt das Erlösungswerk "Phone Booth" ("Nicht auflegen!"), in dem ein windiger Typ (Colin Farrell) zur Selbsterkenntnis getrieben wird, weil er länger im Schussfeld eines geheimnisvollen, allmächtigen, Scharfschützen steht. (Läuft vorerst nur im katholischen Süden, durch den abtrünnigen Norden spukt laut Spielplan Freddy Krueger, Teil 11, frisch zurück aus der Hölle).
Inzwischen darf in der Abteilung "Mitternachtswahn" Alt-Horrorist Brian Yuzna seinen "Re-Animator" Dr. West re-animieren, während allerlei Untotes noch anderwärts sein Wesen treibt, beispielsweise fand sich nach langer Karenzzeit jetzt ein Verleih für Rob Zombies grelles "House of 1000 Corpses". Als Tierfilm empfiehlt sich ein nagendes Remake von "Willard", und wer keine Ratten mag, den muntern vielleicht jene Schnurren auf, in denen diverses US-Jungvolk auf haarsträubende Weise zu Tode kommt, etwa als Opfer debiler Hinterwäldler ("Wrong Turn") oder bestens choreographierter Katastrophen ("11:14").
Leider wurden die Hommagen an Spezial-Regisseure wie Jimmy Sangster, Dario Argento oder Peter Jackson nicht wieder aufgelegt, doch gibt es eine weitere Fortsetzung der Serie "Focus Asia" mit sechzehn, zum Teil animierten Beiträgen. Seit seinen Anfängen 1987 ist das Fantasy-Fest zu einem der weltweit größten Genre-Events mit stetig anschwellenden Besucherzahlen mutiert, ohne goldene Preise, ohne öffentliche Gelder. Der Lohn heißt Angst: Furcht und Zittern, kathartisches Gelächter, immer geeignet, aus dem ewigen Unbehagen in der Kultur ein wenigstens zweistündiges Behagen in der so genannten Unkultur zu zaubern.