Film Daniel Auteuil
Die Wirklichkeit ist mitunter ziemlich eklig. Das musste Auteuil feststellen, als er nach seiner Titelrolle in dem Film "Sade" (Start: 21.12.) dessen "Hundertzwanzig Tage von Sodom" las, einen wüsten Roman über Sex und Gewalt: "Stellenweise ist der Realismus kaum zu ertragen." Schon als Kind beschäftigte der Marquis de Sade seine Phantasie. Damals suchte Daniel Auteuil in der Ruine des Schlosses Lacoste, de Sades Domizil, nach Geheimnissen. "Hirngespinste und Realität für mich gab es da keine Unterschiede." Auteuils Eltern tingelten als Opernsänger durch die französische Provinz; der Sohn wuchs heran in einer Welt, die kaum trennt zwischen Illusion und Wirklichkeit. Seine erste kleine Rolle hatte er in "Madame Butterfly". Einer der Sänger hatte eine feuchte Aussprache, und Auteuil lernte die erste Lektion: "Wenn dich jemand auf der Bühne anspuckt, ist das zwar sehr real, aber du musst so tun, als würde nichts geschehen. Die Wirklichkeit wird zum Schein und umgekehrt. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Schauspielern mehr damit zu tun hat, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen." Dreimal bewarb Auteuil sich an einer Pariser Schauspielschule, jedes Mal wurde er abgewiesen. Fast 20 Jahre lang nahm er danach wahllos alle Rollen an, die ihm angeboten wurden er wollte spielen, um jeden Preis auf der Bühne und vor der Kamera stehen und bewundert werden. Heute gilt Auteuil in seiner Heimat als Superstar. Im Ausland wird der 50-Jährige als nächster Depardieu gehandelt. Auteuil spielt am liebsten Außenseiter. "Mich interessieren zerrissene Charaktere, die uns einen Einblick gewähren in die dunklen Seiten, die wir alle haben", sagt der Mann mit dem wohl markantesten Gesicht im europäischen Film. Weil er Grenzen immer wieder überschreitet, Rollen exzessiv durchlebt, stürzten ihn seine Charakterstudien oft in Depressionen. 1998 etwa, als er in Chris Menges' "The Lost Son" einen französischen Privatdetektiv im englischen Exil spielen sollte, zog Auteuil für die Dauer der Dreharbeiten nach London er wollte ganz in seine Figur hineinkriechen. Das gelang ihm so gut, dass er Nacht für Nacht aufschreckte, von Alpträumen terrorisiert. Warum er sich das antut? Weil er den Erfolg braucht und wohl auch, weil er nur bei Dreharbeiten Frauen kennen lernt, die ihn interessieren: Emmanuelle Béart beispielsweise, die Mutter seiner Tochter, oder auch Marianne Denicourt, seine aktuelle Lebensgefährtin. "François Truffaut hat mal gesagt, Filme seien besser als das Leben", sagt Auteuil. "Ich sehe das anders ich habe noch in keinem Film so tief empfunden wie im wirklichen Leben." Jörg Böckem