Film Farhad Yawari
Die Amis müssen verrückt sein, da war sich Farhad Yawari sicher: Der Wahl-Münchner hatte seinen Film "Dolphins" auf dem Film-Festival in Palm Springs vorgestellt, und das Publikum applaudierte stehend. Mädchen tupften sich die Tränen von den Wangen, anwesende Produzenten hielten aufgeregt Ausschau nach dem Regisseur diesen Burschen wollte jeder unter Vertrag nehmen. Seit "Titanic" sind Mädchentränen bares Geld wert. Zuvor hatte der gebürtige Iraner den fertigen Film vier Monate lang weggeschlossen, weil er sicher war, den größten Mist aller Zeiten gedreht zu haben. Tatsächlich passt "Dolphins" (Start: 31.8.) nicht ins übliche Schema. Das Werk bewegt sich mit 45 Minuten Spielzeit im Niemandsland zwischen Spiel- und Kurzfilm, Yawari verzichtet völlig auf Sprache und dramatische Handlung, verlässt sich ganz auf die Ausdrucksstärke seiner Schauspieler und die Kraft seiner Bilder. Er erzählt die Geschichte des Mädchens Lara (Julia Brendler). Lara wird in einer psychiatrischen Anstalt gefangen gehalten und träumt von der Freiheit. Dieser Iraner muss irre sein, dachten die Verantwortlichen an der Filmhochschule München, als Yawari vor fünf Jahren "Dolphins" als Regieübung realisieren wollte. Unterwasseraufnahmen! Mit Delphinen! Ein Stummfilm! "Man antwortete mir, ich solle lieber Ausländerfilme drehen", sagt Yawari. Die Hochschule verweigert die Drehgenehmigung. Das Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung" ruft die Leser zu Spenden auf, 3000 Mark kommen zusammen. Yawari mietet ein Acht-Quadratmeter-Büro und startet den wohl außergewöhnlichsten Finanzierungsmarathon der deutschen Filmgeschichte: In der Industrie bettelt er um Sachspenden für die Dreharbeiten, von Kaffee über Flugreisen zu den Bahamas bis zu Massagen für seine Schauspieler. Yawari fliegt in die USA, will dem James-Bond-Komponisten John Barry ein Video seines Films vorlegen und ihn bitten, die Filmmusik zu schreiben. Als er um das Haus des Künstlers schleicht, wird er festgenommen. Da überredet er einen Polizisten, das Band bei Barry abzugeben. Der schickt ihm tatsächlich seine Komposition. Yawari ist nicht zufrieden, schickt sie zurück. Der Irrsinn hat sich gelohnt: Als erster Film überhaupt errang "Dolphins" in Palm Springs Jury- und Publikumspreis. Yawari erhielt 80 Angebote aus Hollywood, in Millionenhöhe. Aber als er "Dolphins" im vorigen Jahr auf dem Filmfest München zeigen wollte, wurde er abgebügelt der Film sei "Mädchenscheiß", hieß es wörtlich. "Die deutschen Produzenten ignorieren mich, himmeln Hollywood an, und Hollywood rennt mir die Tür ein", sagt Yawari. Die müssen verrückt sein, die deutschen Produzenten. Jörg Böckem