Film Joaquin Phoenix
och vor einem Jahr hätte kaum jemand ernsthaft von Karriere geredet. Gut, ein paar Fernsehrollen, ein annehmbarer Part in einem Gus-Van-Sant-Film. Daneben bizarre Auftritte als Veganer: ein Typ, der kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier isst. Ein Model-Auftrag für Prada und als der Tierfreund Phoenix sich weigerte, Lederschuhe zu tragen, wurden seine Füße für eine Nahaufnahme gedoubelt. Ein paar kleinere Auftritte in ambitionierten Filmen, die seinen Mut zur Selbstentblößung ausbeuteten, ohne ihn groß voranzubringen für Joaquin Phoenix, 26, Bruder des an einer Überdosis Kokain und Heroin gestorbenen Filmstars River Phoenix, schien alles auf ein Schattendasein, ein Leben als kleiner Bruder hinauszulaufen.
Noch vor einem Jahr war sein berühmtester Auftritt der tragische Notruf in jener Nacht auf den 31. Oktober 1993, als River Phoenix, Posterboy des jungen, wilden Hollywood, sich vor dem Viper Room in Los Angeles plötzlich auf dem Asphalt krümmte. Kurz darauf starb er, 23 Jahre jung. Am nächsten Tag druckten Zeitungen Joaquins Notruf-Telefonat ab. Wenig später wurde, dank des Fernsehsenders NBC, ganz Amerika Zeuge dieses Dramas es dauerte Jahre, bis sich Phoenix von dem Schock erholt hatte.
Und als er in David Lettermans "Late Show" Mühe hatte, sich an sein eigenes Geburtsdatum zu erinnern, da gingen in Hollywood Gerüchte um, er setze das rauschhafte Leben seines Bruders fort. Was soll schon groß aus Kindern werden, deren Eltern sich als Hippies kennen gelernt hatten und später als Anhänger der dubiosen Sekte Children of God durch Mittel- und Südamerika zogen?
Und dann kam das Jahr 2000. Das Jahr, das alles änderte im Leben des Joaquin Phoenix. Zuerst gab er in Ridley Scotts "Gladiator" den machtgierigen und vom Wahnsinn umflackerten Römer Commodus und spielte beinahe den Sandalenhelden Russell Crowe an die Wand. Die Rolle brachte ihm eine Oscar-Nominierung ein. Dann brillierte er, an der Seite von Mark Wahlberg, in "The Yards" (deutscher Kinostart: 26.4.). Und schließlich verkörperte er in "Quills" (ab 8.3.) jenen Abbé, der den Marquis de Sade verwahren soll und darüber seine eigenen sexuellen Abgründe entdeckt.
Und plötzlich bewundern alle Phoenix' Verletzlichkeit, seine Leinwandpräsenz und seine Bereitschaft, für eine Rolle alles zu geben eine gepiercte Augenbraue und etliche Kilo Übergewicht eingeschlossen. Phoenix selbst ist es sichtlich unangenehm, über Schauspielerei zu sprechen. "Ich drehe weiterhin Filme", sagte er der "Los Angeles Times", "weil ich immer das hasse, was ich zuletzt gemacht habe. Mit jedem neuen Film versuche ich, meine Fehler zu korrigieren."
Hauke Goos