Film Stadt der Illusionen
Ein Oscar kann für einen Schauspieler gleichermaßen Fluch und Segen bedeuten: Als Marisa Tomei 1993 für ihre Rolle als Mona Lisa Vito in "My Cousin Vinny" als beste Nebendarstellerin nominiert wurde, galt sie als kommender Star. Nachdem sie die Auszeichnung tatsächlich gewonnen hatte, Oscar-untypisch für eine eher burleske Rolle, nörgelten Kritiker, Laudator Jack Palance hätte bei der Preisverleihung nur seine Brille vergessen und schlicht den falschen Namen vorgelesen. Die Rollenangebote, die folgten, waren denn auch selten mehr als drittklassige Variationen der Mona Lisa Vito. "Ich hatte damals nicht die geringste Ahnung, wie Hollywood funktioniert", erinnert sich Tomei. "Ich wusste nicht, wie ich mich in dem Beziehungsgeflecht zurechtfinden sollte und was für Rollen ich eigentlich spielen wollte. Ich stolperte irgendwie da durch." Erst im vergangenen Jahr bewahrte eine Oscar-Nominierung sie vor dem völligen Vergessen in Todd Fields Drama "In the Bedroom" spielte sie eine Ehefrau, deren Verhältnis mit einem wesentlich jüngeren Studenten in einer Katastrophe endet, gleichermaßen zerbrechlich wie kraftvoll. Sie wurde erneut als beste Nebendarstellerin nominiert, Kritiker verglichen sie gar mit Audrey Hepburn. Und weil Marisa Tomei, 38, ihre Illusionen über Hollywood mittlerweile verloren hat, nutzte sie diesmal die Gunst der Stunde und sicherte sich die weibliche Hauptrolle in "Die Wutprobe" (Start: 8.5.). Einen Oscar wird es dafür nicht geben, aber der Film spielte am ersten Wochenende in Nordamerika satte 42 Millionen Dollar ein. Und Geld zählt in Hollywood immer noch mehr als jeder Oscar.
Jörg Böckem
Die Wutprobe
Regie: Peter Segal. Mit Jack Nicholson, Adam Sandler,
Marisa Tomei.
Adam Sandler als gestörter Depp, Jack Nicholson als
gestörter Therapeut. Das soll komisch sein; leider sind
neurotische Arschlöcher im Film genauso nervtötend wie in
der Realität. Schön, dass wenigstens Marisa Tomei ab und an
hereinschaut.