Film: Szenen, Gesten, Sprüche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Film Szenen, Gesten, Sprüche

Jim Jarmusch, die Kunstkino-Ikone der Achtziger, ist wieder da: mit Skizzen in Schwarz-Weiß ­ wie früher.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erinnert sich noch jemand an das Plakat zu "Down by Law"? John Lurie, Tom Waits und Roberto Benigni unterwegs in den Sümpfen von Louisiana, drei Mann in einem Boot, das jeden Augenblick zu sinken droht - ein Stillleben in grobkörnigem Schwarz-Weiß, das seinerzeit, 1986, aus den Schaukästen großstädtischer Programmkinos verführerische Signale aussandte: Wer bereit sei, sich dem Zauber von "Down by Law" auszuliefern, der würde belohnt werden mit einem quasi trancehaften Kinoerlebnis, einer Amerika-Erfahrung, die in der Hauptsache aus endlos gedehnten Kamerafahrten, kontrastreichen Wolkenbildern und der Musik von Waits und Lurie bestand. Damals bekam der Name Jim Jarmusch einen magischen Klang; seltsam war nur, dass ausgerechnet das ZDF seine Filme produzierte. Schon bald wussten Eingeweihte, dass "Stranger than Paradise", sein zweiter Film, gedreht mit Resten, die ihm Wim Wenders geschenkt hatte, ein noch reineres Erlebnis versprach: eine Reise von Cleveland nach Florida und trotzdem ohne Richtung und Ziel, befreit von fast jeglicher Handlung, eine eigenwillige Collage aus Szenen, Gesten und coolen Sprüchen; was war von einem Mann nicht alles zu erwarten, dessen Cutterin auf den wunderschönen Namen Melody London hörte? Dann kamen die Neunziger, und Jarmusch drehte "Night on Earth", "Ghost Dog: The Way of the Samurai" (beide bunt) und zwischendurch "Dead Man", wieder in Schwarz-Weiß, aber es war nicht mehr dasselbe. Jarmusch war in dem Kult, der um ihn entstanden war, irgendwie verloren gegangen.

Offenbar nicht völlig. All die Jahre nämlich hat Jarmusch Kurzfilme gedreht, schwarzweiße Skizzen über Kaffee, Zigaretten und Begegnungen. Vor zwei Jahren, in der großen Umfrage von "Sight & Sound" nach den größten Filmen aller Zeiten, hatte Jarmusch seine Favoriten genannt: "L'Atalante" von Vigo und "They Live by Night" von Ray, "Bob le flambeur" von Melville und ein paar andere mehr. Zehn Schwarz-Weiß-Filme, kein einziger Farbfilm darunter. Wenn man so will, ist "Coffee and Cigarettes" (Start: 19.8.) eine Rückkehr zum Anfang.

Hauke Goos


Coffee and Cigarettes

Regie: Jim Jarmusch. Mit Bill Murray, Cate Blanchett, Tom Waits.

Elf schwarz-weiße Kurzfilme von Jim Jarmusch, in denen Freunde und Kollegen übers Rauchen, Kaffee, Gott und die Welt plaudern. Für Fans. Start: 19. August 2004.