Film: Tobey Maguire - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Film Tobey Maguire

Er liebt Yoga, isst vegetarisch und hat Angst vor Insekten und Spinnen: Hollywoods Nachwuchshoffnung hat Heldenposen nicht nötig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Natürlich heißt er nicht wirklich Tobey. Aber weil er in Hollywood festgelegt ist auf altkluge Heranwachsende, hellwache Schlafwandler an der Grenze zum Erwachsensein, wird Tobias Vincent Maguire, 25, von aller Welt nur Tobey genannt. "Tobey ist eine Mischung aus kindlicher Unschuld und einer sehr alten Seele", sagt Regisseur Lasse Hallström, der Maguire für seinen Film "Gottes Werk und Teufels Beitrag" engagierte. Als er drei, vier Jahre alt gewesen sei, erzählte Maguire in einem Interview, hätten ihn die Leute "kleiner alter Mann" genannt. Lässt sich treffender beschreiben, was sein größtes Pfund und zugleich sein gravierendstes Problem ist?

Sicher: Maguire zieht nach wie vor mit seinem Kumpel Leonardo DiCaprio um die Häuser, und die Klatschpresse zählt ihn bereitwillig zur so genannten Pussy Posse. Trotzdem macht Maguire immer ein wenig den Eindruck, als würde er seine Lebenserfahrung allein aus Filmen beziehen. In Interviews philosophiert er über charakterliche Reife und preist die Vorzüge fleischloser Ernährung. Drogen und Alkohol? Für ihn kein Thema. Seine freie Zeit verbringt er mit Kochen und Yoga, und auf die Frage eines Magazins "Was ist das größte Problem auf der Welt ­ und wie würden Sie es lösen?", antwortete Maguire allen Ernstes: "Ein Mangel an sozialem Bewusstsein. Bessere Erziehung." Kein Wunder, dass es ihm wie kaum einem anderen gelingt, in seinen Filmen beides zu zeigen: den Kindskopf ­ und den durchtriebenen Neurotiker.

Dabei hat Maguire für jemanden, der noch immer ein Schuljungengesicht trägt, schon allerhand erlebt. Scheidung der Eltern mit zwei Jahren; zahllose Umzüge, ebenso viele Schulwechsel. Erste Auftritte in Werbespots, danach die Ochsentour durch TV-Serien: eine Zeile Dialog in "Blossom", ein paar Sätze in "Roseanne", eine Hauptrolle in einem Flop.

So lernte er früh, was seine Stärken sind und wo seine Grenzen liegen. Als er für "Ride with the Devil" (Start: 4.1.) reiten lernen sollte, bekannte er öffentlich, dass Pferde ihn einschüchtern. Für Probeaufnahmen zu "Spider-Man", in dem Maguire die Titelrolle spielen wird, trugen die Maskenbildner für das Kostüm flüssigen Kunststoff auf seine Haut auf ­ als beim Abziehen ihm ein paar Haare ausrissen, jammerte Maguire vor Schmerz. Und Angst vor Krabbeltieren habe er auch, ließ Spider-Man vernehmen ­ der erste Action-Held, der sich vor Spinnen fürchtet.

DiCaprio würde darüber lächeln. Aber möglicherweise ist dies das ganze Geheimnis: zu erkennen, dass Respekt nur erwarten kann, wer keine Angst hat, Schwächen zuzugeben. Vielleicht dauert es gar nicht mehr lange, bis es in Hollywood heißt: "And the Oscar goes to ... Tobias Vincent Maguire."

Hauke Goos