Film Überdosis Gefühl
Eine junge Frau, blond und naiv, kommt nach Hollywood mit nichts als einem Koffer - und dem Traum, ein Filmstar zu werden. Plötzlich begegnet sie in ihrem Appartement einer Fremden, die ihr Gedächtnis verloren hat. Doch dann ... sollte man endlich den Versuch aufgeben, David Lynchs enigmatischen Thriller "Mulholland Drive" (2001) nacherzählen zu wollen. Sicher ist nur: Naomi Watts - jene blonde Frau, die damals in Lynchs Rätselwerk das Möchtegernstarlet spielte - kann sich seitdem ihre Rollen aussuchen. Zuvor meist nur dritte Wahl in viertklassigen Filmen und allenfalls als Jugendfreundin von Nicole Kidman in den Schlagzeilen, ist Watts, 35, jetzt sogar für einen Oscar nominiert: für ihre Darstellung einer verzweifelten Witwe im Familiendrama "21 Gramm" (Start: 26. Februar).
Das Erste, was der Zuschauer in "21 Gramm" von Watts sieht, ist ihr nackter Rücken. Sie liegt im Bett und schläft; neben ihr sitzt Sean Penn und raucht. Es ist die friedlichste Szene eines Films, in dem permanent emotionaler Ausnahmezustand herrscht. Watts spielt eine Frau, die weint und schreit, liebt und leidet, Drogen nimmt und ihr Leben wegwerfen will - und allen Grund dazu hat: Ihr Mann und ihre Töchter sind überfahren worden; der Unfallverursacher (Benicio Del Toro) ist abgehauen; der Mann, der sie zu trösten versucht (Penn), trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Dass man sich angesichts dieser Überdosis Gefühl nicht beschämt oder genervt abwendet, liegt (neben der von Regisseur Alejandro González Iñárritu kunstvoll aufgebrochenen Erzählstruktur) vor allem an Watts' Schauspielkunst. Anders als die beiden Kraftmeier Penn und Del Toro kann Watts die Illusion erwecken, sie sei sich ihrer Wirkung nicht bewusst.
Mit Penn hat Watts mittlerweile noch einen weiteren Film gedreht, "The Assassination of Richard Nixon". Nun bereitet sie sich auf den stärksten Kerl der Filmgeschichte vor: Im Sommer beginnen die Dreharbeiten zu Peter Jacksons "King Kong". Der Affe dürfte neben ihr ziemlich klein aussehen.
Martin Wolf
21 Gramm
Regie: Alejandro González Iñárritu. Mit Sean Penn,
Benicio Del Toro, Naomi Watts.
In den USA einer der Kritiker-Favoriten des vergangenen
Kinojahres: Der neue mexikanische Regiestar González
Iñárritu ("Amores Perros") zeigt eine düstere, kunstvoll
dramaturgisch gebrochene Familientragödie über Organspende,
Schuld und Sühne. Furios: Naomi Watts als traumatisierte
Witwe. Start: 26. Februar