Filme: Kimberly Peirce - DER SPIEGEL
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Filme Kimberly Peirce

Die New Yorker Debüt-Regisseurin erzählt die tragische Story einer Frau, die ein Mann sein wollte. Ein Meisterwerk, sagt sogar Hollywood.
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E

s war einfach Liebe. "Er war der klassische amerikanische Träumer", schwärmt Kimberly Peirce, "er wollte derjenige sein, als der er sich fühlte, und er hat es gewagt, diesen Traum zu leben." Er, das war Brandon Teena, ein jugendlicher Herzensbrecher aus Nebraska, der 1993 von zwei Kumpel erschossen wurde. Nur, dass er nicht wirklich ein Mann war, sondern eine junge Frau namens Teena Brandon, die sich danach sehnte, als Mann zu leben, und der es gelang, ihre Umwelt zu täuschen. Sogar die Mädchen, die mit Brandon ins Bett gingen, hielten sie für einen Mann ­ und für den besten Liebhaber, den sie je hatten.

Als Brandon nach ein paar Diebstählen und Scheckbetrügereien enttarnt wurde, bezahlte sie ihre Täuschung erst mit einer Vergewaltigung und wenige Tage später mit dem Leben. Sie hatte die fragile Mannesehre ihrer Kumpel verletzt, mit ihrem waghalsigen Schritt über die Geschlechterbarriere deren Weltsicht sabotiert. Der Haupttäter sitzt heute im Todestrakt.

Als die New Yorker Filmstudentin Kimberly Peirce von dem spektakulären Fall las, erfasste sie eine Art Besessenheit. Sie musste alles über Brandon wissen. Sie musste einen Film über sein Schicksal drehen. Sie musste ihn der Welt so zeigen, wie sie ihn sah ­ als charismatischen, mutigen, tragischen Helden.

"Ich hatte gleich das Gefühl, dass ich Brandon besser kannte als jeder andere", sagt Peirce während eines Mittagessens, bei dem sie vor lauter Erzählen kaum ihr Filet anrührt. Sie will jeden schlauen Gedanken über filmische Struktur, Transsexualität und Kulturgeschichte mitteilen, den sie sich gemacht hat. Und mit jedem Satz verrät sie, die belesene, selbstsichere Akademikerin mit der aquamarinblau gefärbten Strähne im dunklen Haar, wie sehr sie ihrem Helden verfallen ist.

Auf dem Tisch schiebt Peirce, 32, ruhelos Messer und Gabeln herum, um zu zeigen, wie sie die Vielzahl von Informationen, die sie aus Gerichtsakten, Artikeln und Gesprächen gesammelt hatte, mühsam zu einem schlüssigen Drama zusammengebaut hat. Mehrere Jahre arbeitete sie am Drehbuch, während sie sich mit Computerjobs über Wasser hielt. Am Schluss liegt eine Besteckkette säuberlich vor Peirce aufgereiht. "Nicht die faktische Wahrheit", sagt sie, "aber die psychologische Wahrheit."

"Boys Don't Cry" (Start: 3.2.) wurde in den USA gefeiert, die Hauptdarstellerin Hilary Swank ist mit Preisen für ihre Rolle überhäuft worden und hat jetzt beste Aussichten auf den Oscar. Die No-Name-Debütantin Peirce wird in Hollywood als "flavor of the month" umschwärmt, wie sie sarkastisch sagt. Peirce aber ist entschlossen, weiter in New York zu arbeiten. Wenn sie einen Film macht, muss es einfach Liebe sein.

Susanne Weingarten