Filmfestspiele Venedig: Geld oder Liebe - DER SPIEGEL
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Filmfestspiele Venedig Geld oder Liebe

Zwei deutsche Filme laufen in Venedig: '"Die innere Sicherheit" von Christian Petzold ist das beklemmende Porträt einer Terroristen-Tochter, die mit ihren Eltern auf der Flucht ist. Tom Tykwer ("Lola rennt") erzählt in "Der Krieger und die Kaiserin" ein modernes Märchen über die Macht der Liebe. Leider haben es beide Filme nicht in den Wettbewerb geschafft.
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"Die innere Sicherheit", bei den 57. Filmfestspielen von Venedig in der Reihe "Cinema del presente" ("Kino der Gegenwart") präsentiert, erzählt die Geschichte der 15jährigen Jeanne, die Zeit ihres Lebens mit ihren Eltern auf der Flucht ist. Die Eltern sind deutsche Ex-Terroristen und haben sich in Portugal eine neue Schein-Existenz aufgebaut. Sie sind ständig auf der Hut, gefangen in ihren Vorsichtsmaßnahmen. Vertrauen ist nicht möglich, jeder freundliche Fremde verdächtig. Das ist auch der Tochter in Fleisch und Blut übergegangen, und sie leidet am meisten unter der Isolation - vor allem, als sie einen Jungen kennenlernt und die Eltern mit ihr unerwartet nach Deutschland weiterfliehen. Das endet in einer Katastrophe. Regisseur Christian Petzold erzählt diese Geschichte sehr präzise und reduziert. Er konzentriert sich ganz auf seine Darsteller, die unter seiner Regie beeindrucken: Barbara Auer als die Mutter, Richy Müller als der Vater und vor allem Julia Hummer als ihre Tochter Jeanne, die als Familie ein eingespieltes Team bilden, bei dem ein Blick alles sagt und die Welt draußen bleibt. Alles in allem ein überraschend guter Film.

Tom Tykwer, der Regisseur von "Lola rennt", hatte es da vergleichsweise schwer - nach dem Lola-Erfolg erwartet man bei ihm nur noch Großes. Er hat sich klugerweise entschieden, seine Geschichte diesmal ganz anders zu erzählen als auf die atemlose Art. Sein neuer Film "Der Krieger und die Kaiserin", der in Venedig in der Reihe "Sogni e Visioni" ("Träume und Visionen") läuft, ist, wie der Titel schon andeutet, ein Märchen. Und trotz mancher Effekte, mit denen Tykwer auch hier spielt, läßt er sich diesmal viel Zeit für seine Figuren. Franka Potente ist wieder seine Heldin: Sie spielt Sissi, die naive, etwas zu liebe Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt, die bei einem Unfall unter einen Laster gerät und von Bodo (Benno Fürmann) durch einen (sehr detailgenau gezeigten) Luftröhrenschnitt gerettet wird. Nach ihrer Genesung will sie ihn wiederfinden, überzeugt, dass sie zusammengehören. Bodo aber glaubt nicht an dieses Märchen, und das Schicksal (bzw. der Regisseur) muss die beiden erst noch einmal zusammenführen, bevor auch er überzeugt ist. Es ist eine phantastische Geschichte, die Tykwer einem da auftischt, und manchmal ist sie overdone. Aber in ihrer Beharrlichkeit dann doch wieder gelungen - im Märchen darf sogar eine Irrenanstalt aussehen, wie man sich eine Irrenanstalt vorstellt.

Es gibt ein paar auffällige Gemeinsamkeiten zwischen "Die innere Sicherheit" und "Der Krieger und die Kaiserin": Nicht nur, dass beide am Meer beginnen und die glitzernden Wellen in beiden Fällen die Projektionsflächen für die Träume von einem neuen, unbeschwerten Leben darstellen. Die Filme ähneln sich auch in ihrer wortkargen Intensität, die einen in eine andere Welt entführt: Bei Petzold ist das die zweite, unsichtbare Ebene der Schattenexistenz, in der die Protagonisten neben unserer Realität zu leben versuchen; bei Tykwer ist es eine Parallelwelt, in der sich nur somnambule weibliche Wesen wie Sissi sicher bewegen können. Und vielleicht ist es Zufall, dass in beiden Fällen ein gescheiterter Banküberfall das Leben der Figuren entscheidend verändert - obwohl man Tom Tykwer mal fragen sollte, ob er nicht auch dafür eine Erklärung hat. Denn jeder Zufall ist zu etwas gut, und dann ist es kein Zufall mehr, dann ist es Schicksal. Daran glaubt Sissi, und davon handelt letzten Endes "Der Krieger und die Kaiserin".

Welches Schicksal allerdings dafür gesorgt hat, dass sowohl "Die innere Sicherheit" als auch "Der Krieger und die Kaiserin" nicht am Wettbewerb um den Goldenen Löwen teilnehmen dürfen, bleibt rätselhaft. Denn beide Filme hätten durchaus mit der bisher gezeigten Konkurrenz mithalten können.