Filmwirtschaft Ihr Kinderlein, kommet...
Mit "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" buhlen in diesem Winter gleich zwei rekordverdächtige Filme um die Gunst des deutschen Kinopublikums. Beiden wird das Brechen aller Besucher- und Umsatzrekorde zugetraut. "Die Zuschauerzahlen werden so hoch sein wie noch nie", schätzt Markus Roth von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) in Wiesbaden.
Die erste Verfilmung eines Bestseller-Romans von Joanne K. Rowling startete am 22. November mit der deutschlandweit bislang höchsten Kopienzahl von 1226. Knapp vier Wochen später wird am 19. Dezember die Filmversion des ersten Teils aus der Romantrilogie "Der Herr der Ringe" nach John R.R. Tolkien anlaufen. Der geplanten Filmserie wird bereits jetzt ein Kult vorausgesagt, der an "Star Wars"-Dimensionen heranreichen soll.
Waren im Jahr 2000 nach Angaben der Filmförderungsanstalt in Berlin (FFA) insgesamt 152,2 Millionen Besucher in deutschen Kinos, verzeichnete die FFA in diesem Jahr schon zum 30. September die Rekordzahl von 127,3 Millionen Besuchern. Das entspricht einem Zuwachs von 15 Prozent im Vergleich zu den ersten neun Monaten 2000 (110,7 Millionen). Nach Erfolgen wie "Der Schuh des Manitu" und den zu erwartenden Zuschauermassen für "Harry Potter" und "Herr der Ringe" könnte das Jahr 2001 wohl Kinogeschichte schreiben.
Kino statt Weihnachts-Stress
Drei Faktoren spielen für die häufigen Kinobesuche in der Weihnachtszeit eine Rolle: "Angebot, Stress und Wetter", erklärt der Psychologe Dirk Blothner, der das Zuschauerverhalten erforscht. Trübe Tage verlangten nach bunter Abwechslung. Eltern und Kinder seien froh, dem Stress der Weihnachtszeit im Kinosaal wenigstens zeitweise zu entgehen. Nicht zuletzt spiele das Programmangebot eine entscheidende Rolle. Denn gerade in der Weihnachtszeit setzten die Filmverleihe ihre besten Titel auf die Spielpläne.
Im Winter ist traditionell Hochsaison für die Filmwirtschaft. Dezember und Januar sind laut FFA die erfolgreichsten Monate eines durchschnittlichen Kinojahres. Zehn Prozent des Jahresgeschäftes bringt in der Regel der Dezember ein. Von Mai bis Juli dagegen sind es monatlich nur bis zu sieben Prozent. 15 Millionen Eintrittskarten wurden im Dezember 2000 in Deutschland verkauft - eine Zahl, die in diesem Winter allein "Harry Potter" erreichen soll.
Disneys neue Marktstrategie
"Weihnachtszeit ist Disney-Zeit", sagt der Filmwirtschaftsforscher Gerhard Neckermann. Dunkle Winterabende und aufkeimende Feststimmung weckten das Bedürfnis nach Unterhaltung mit Gefühl und Humor für die ganze Familie. Auf dieses Rezept schwört seit Jahrzehnten der Disney-Konzern. Pünktlich zur Vorweihnachtszeit schickt er jeden November ein neues Zeichentrick-Abenteuer in die Kinos, das mit Soundtrack und entsprechender Produktpalette vom Radiergummi bis zur Bettwäsche den Erfolg garantiert. So spielte Disneys "Mulan" im Dezember 1998 mit 2,2 Millionen Zuschauern das meiste Geld ein. Im folgenden Jahr stand "Tarzan" gleich hinter dem James Bond-Film "Die Welt ist nicht genug". "Der diesjährige Disneyfilm 'Atlantis' wird es angesichts der Konkurrenz jedoch sehr schwer haben", sagt Neckermann voraus.
Um der erwarteten Durchschlagkraft des ersten "Harry Potter"-Films auszuweichen, hat die Disney-Verleihtochter Buena Vista bereits den "Atlantis"-Kinostart um drei Wochen nach hinten auf den 6. Dezember verschoben. "Der starken Konkurrenz halten wir ein neuartiges Marketingkonzept entgegen", sagt Thomas Menne von Buena Vista. Ein "Atlantis"-Musikalbum mit 19 Liedern bekannter Popstars soll Appetit auf "die Mischung aus Indiana Jones und Jules Verne" machen. Der Titelsong vereint die Teeniestars "No Angels" und Hippie-Legende Donovan im Duett - zwei Generationen, ein Film.
Hilferuf der Kinobetreiber
Dass "Harry Potter", "Der Herr der Ringe" und "Atlantis" das Kino-Weihnachtsgeschäft des Jahres bestimmen, muss nicht zu einem gegenseitigen Verdrängungswettbewerb führen. Der Frankfurter Kinobesitzer Harald Metz erwartet eher "ein gegenseitiges Hochschaukeln". Die Filme werden sich nach seiner Ansicht gegenseitig potenzieren und einen Begeisterungswelle auslösen: "Das Image des Kinos allgemein wird sich in diesem Winter verbessern." Denn das Weihnachtsgeschäft lebe vor allem von einem Publikum, das sonst nie den Weg in die Lichtspielsäle findet.
Zumindest im Fall "Potter" sehen sich die Kinobetreiber allerdings bereits genötigt, einen Hilferuf abzusenden. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater kritisierte am Mittwoch die Vielzahl an Medienberichten über ausverkaufte Potter-Vorstellungen. Die eigentlich positiven Rekord- und Erfolgsmeldungen schlügen negativ zurück, weil viele Interessierte glaubten, die Kinos seien ohnehin überrannt und daher auf einen Kinobesuch verzichteten.
Das Resultat seien zum Teil nur halbvolle Kinosäle, klagte der Verband und barmte, dass sich niemand vom Gang ins Lichtspielhaus abschrecken lassen solle. "Es gibt überhaupt keinen Grund, den "Harry Potter"-Besuch weiter aufzuschieben", hieß es. Sitzplatzkapazität sei in den deutschen Kinos "ausreichend vorhanden".