"Findet Nemo": Im Rausch der Tiefe - DER SPIEGEL
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"Findet Nemo" Im Rausch der Tiefe

Zeichentrick war gestern: Der Animationsfilm "Findet Nemo" gilt als eine der erfolgreichsten Kino-Produktionen des Jahres. Zu Recht, denn die amerikanische Firma Pixar führt erneut eindrucksvoll vor, wie man computergenerierten Charakteren eine anrührende und seelenvolle Geschichte entlockt.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Junge wird entführt. Ein großer Mann schnappt sich ihn, nachdem sich der Knabe neugierig von seiner Schulklasse entfernt hat. Der Vater ist verzweifelt. Obwohl er den Aufenthaltsort seines einzigen Sohnes nicht mal kennt, begibt er sich auf der Suche von der behüteten Heimat auf unbekanntes Terrain. Unterwegs muss er sich auf einem Schrottplatz gegen eine Schlägergang wehren und kann am denkbar finstersten Ort knapp einem hinterhältigen Killer entgehen. Eine allein stehende Frau schließt sich ihm an. Sie ist ebenso liebenswürdig wie lästig, aber erweist sich letztlich als große Hilfe. Am Ende finden Vater und Sohn wieder glücklich zusammen.

Der Plot liest sich wie ein Exposé zu einem beliebigen Thriller. Doch hier sieht kein Mensch rot, sondern schwimmt ein Fisch durchs unendlichste Blau seit Luc Bessons "Im Rausch der Tiefe". Denn "Findet Nemo" ist ein Trickfilm, der neuste Streich der Animationsfirma Pixar und in Amerika die erfolgreichste Kinoproduktion des Jahres. Dort liegt sie vor "Fluch der Karibik", weit vor "Matrix: Reloaded" und hat sogar Disneys "König der Löwen" abgehängt. Und da die Welt ohnehin auf den US-Markt starrt, hat die Marketingabteilung des deutschen Verleihs Buena Vista "Findet Nemo" auch gleich zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten ausgerufen. Weltweit ist allerdings noch "Der König der Löwen" der Primus.

Heikel an diesem ungenauen Zahlenspiel ist auch der unscharfe Genrebegriff Animationsfilm. "Der König der Löwen" wurde klassisch am Zeichentisch entworfen. Die Bilder von "Findet Nemo" stammen aus dem Computer. CGI nennt sich diese Technik. Und der Unterschied zum Zeichentrickfilm ist derart augenfällig, als würde man die Akustik von Stumm- und Tonfilmen gleich setzen. Seit Jahren vollzieht sich so in den Animationsstudios eine Zäsur, die "Findet Nemo" mit einem pikanten, ja brisanten Hintergrund versieht. Buena Vista ist die deutsche Dependance von Disney, das mit "Der König der Löwen" seinen Zenit erreicht hatte. Dann kam Pixar und lieferte Disney jene CGI-Filme, die seither die miese Konzernbilanz bessern. "Findet Nemo" ist somit kein Disneyfilm mehr und doch Konkurrenz im eigenen Haus.

Der Kopf von Pixar ist John Lasseter, der 1995 mit "Toy Story" den ersten abendfüllenden CGI-Film drehte. Er war Zeichner bei Disney und auch an den visuellen Effekten des ersten "Star Wars"-Abenteuers beteiligt. Diese Erfahrung bildet die Schnittmenge, mit der die Pixar-Produktionen den traditionellen Disney-Werken von Anfang an zeitgeistmäßig überlegen waren. Obwohl das Ende von "Toy Story" versöhnlich ist, symbolisiert dessen Geschichte, in der ein altmodischer Spielzeug-Cowboy im Kinderzimmer eines Jungen von einer neumodischen Action-Figur abgelöst wird, den technischen Wandel.

Mit CGI ist der Animationsfilm an sich erwachsen geworden. Das Verfahren erlaubt es den Trickfilmern, Kameraperspektiven, Schnittfolgen und Tempo wie bei realen Actionfilmen zu inszenieren. In Pixars "Die Monster AG" etwa schwingt sich die Hauptfigur Sulley so rasant an Türen entlang, die an einem Fließband in der Luft hängen, dass selbst "Indiana Jones" davor den Hut ziehen müsste. CGI treibt heute auch jeden "realen" Actionfilm voran. Doch im Gegensatz zu dessen Produzenten verlassen sich die Kreativen von Pixar nicht auf das Staunen über die digitalen Möglichkeiten. Sie können noch Geschichten erzählen - wobei durch die dreidimensionalen Figuren selbst bekannte Stoffe und Charaktere eine Originalität erhalten, die Schauspieler nur schwer erreichen können. So hat Pixar mit den Insekten in "Das große Krabbeln" eigentlich ein Remake des Westerns "Die glorreichen Sieben" gedreht. Das machte den Film nicht nur für Leute interessant, die ihre Kinder ins Kino begleiten.

"Findet Nemo" ist nun die nahezu perfekte Synthese aus den Tugenden alter Disneyfilme wie "Bambi" und Referenzen, die von Hitchcock, Knastkrimis, Actionfilmen wie "Der weiße Hai" und "Die Tiefe", klassischen Dramen und Buddy-Komödien bis hin zu dem kunstvollen Thriller "Memento" reichen. Der Anfang ist tragisch: Der orangefarbene Clownfisch Marlin und seine Frau freuen sich auf Nachwuchs. 400 Eier hüten sie im Inneren einer Anemone am Great Barrier Reef vor der australischen Küste. Mitten ins Glück platzt ein Barrakuda. Als sich der Wasserstrudel wieder auflöst, ist Marlin Witwer und mit nur noch einem Ei allein. Daraus schlüpft Nemo. In ständiger Furcht, auch ihn verlieren zu können, ist er mit seinem Spross besonders streng. Er überwacht den quirligen Knirps in jeder Sekunde, mahnt ihn zur Vorsicht, nervt also. Selbst der Lehrer, ein pädagogisch aufklärender Rochen, kann Marlins emotionale Bedenken kaum zerstreuen, als Nemo erstmals eine Klassenreise unternimmt.

Eine anrührende Situation, bei der Kinder über ihre eigenen besorgten Eltern lachen können. Doch sogleich folgt der heilsame Schock. Angezogen vom Rumpf eines kleinen Bootes, das von einem verlockend gleißendem Licht umgeben ist, schwimmt Nemo vom sicheren, mit prächtig schillernden und schwankenden Pflanzen überwucherten Riff hinaus ins offene Meer und herauf an die Oberfläche. Man kann kaum beschreiben, wie es mit jedem Flossenschlag kühler wird im Wasser. Nur um Nuancen verändern sich die Pixelfarben, kaum zu sehen, aber spürbar. Das ist eine dramaturgische Kunst, an der Disneys Zeichner zuletzt immer wieder scheiterten.

Nemo wird von einem Taucher gefangen, als Zierfisch an einen Zahnarzt verkauft und landet bei sieben anderen Meerestieren in einem Aquarium der Praxis. Wie Insassen eines gläsernen Gefängnisses unterteilt sich der drollige Haufen hierarchisch in Typen mit Marotten oder gar ausgewachsenen Neurosen. Der altersweise Anführer Kahn wurde als einziger einst aus dem Meer gefischt und träumt noch immer von der Freiheit, während die anderen vorwiegend mit sich selbst beschäftigt sind. So hält die Riffbarschdame Lee ihr Spiegelbild für ihre Zwillingsschwester Luv, leidet ein Shrimp unter Hygienezwängen und droht der klaustrophobische Kugelfisch Puff stets zu platzen. In der Komik liegt auch Kritik an der Zierfischhaltung, die aber nicht zu einer prätentiösen Moral wird. Offenbar wurden aber selbst die Ausbruchversuche vom Publikum all zu menschlich gesehen. Es gab Meldungen, wonach seit dem Erfolg von "Findet Nemo" noch mehr Fische gekauft werden, die längst vom Aussterben bedroht sind.

Die Menschen erscheinen in "Findet Nemo" auch eher eindimensional. Die kleine Tochter des Zahnarztes, die bereits einen Fisch boshaft ins Klo geworfen hat, gleicht einem Cartoon. Den Meeresbewohnern dagegen hat Pixar profunde menschliche Züge gegeben und trotzdem mit sorgfältigen Studien die artgerechten Bewegungsabläufe beibehalten. Doch wenn man dabei an Disneys "Aristocats", "Das Dschungelbuch" und eben auch "Der König der Löwen" denkt, stellt man fest, das nicht nur die Präzision in der Animation entscheidend ist, sondern vor allem die Phantasie bei der Gestaltung der Charaktere. Das sieht man an drei Haien, den "Anonymen Fischfressern", die sich gerade erst dem Fischverzehr entsagt haben, beim entscheidenden Test mit Marlin dann aber versagen. Wie man Atmosphäre mit den richtigen Pointen erzeigt, zeigt die Szene mit einem urzeitlichen Laternenfisch, die sich größtenteils in völliger Dunkelheit abspielt.

Ganz zauberhaft wiederum sind die Gespräche zwischen Marlin und der Doktorfisch-Dame Dorie, die ihr Kurzzeitgedächtnis verloren hat. So etwas macht einsam, und auch Marlin will sie schnellstens wieder loswerden. Aufgeregt und anhänglich paddelt sie um ihn herum. Sie ist so entzückend exzentrisch, dass man mit ihr heulen kann, als Marlin zu erklären versucht, warum sie ihn auf der Suche nach Nemo nicht begleiten könne. Das ist im Kino schon immer der Beginn einer wunderbaren Romanze gewesen.

Wenn die Odyssee letztlich mit dem Happy-End beschließt, beschleicht einen das Gefühl, die meisten realen Filme aus Hollywood in diesem Jahr hätten animiert sein müssen.


Findet Nemo (Finding Nemo)
USA 2003. Regie: Andrew Stanton, Lee Unkrich. Drehbuch: Andrew Stanton, Bob Peterson, David Reynolds. Deutsche Sprecher: Anke Engelke, Christian Tramitz, Domenic Redl, Erkan & Stefan, Jean Pütz, Udo Wachtveitl, Thomas Fritsch. Produktion: Pixar, John Lasseter. Verleih: Buena Vista. Länge: 100 Minuten. Start. 20. November 2003