"Freaky Friday" Comeback des Körpers
Tom Hanks hat es getan und Ellen Barkin, ebenso Steve Martin, Meg Ryan und Nicolas Cage: Sie alle haben mitgespielt beim Körpertausch, jenem lustvoll-leidvollen Verwirrspiel, in dem zwei Darsteller Physis und buchstäblich die Rolle wechseln. Besonders in den achtziger Jahren stand dieses zwischen Klamauk und Drama geschickt wechselnde Subgenre hoch im Kurs - vielleicht weil im Jahrzehnt von Aids und Tschernobyl der Körper sich erstmals als jene verlässliche Größe anbot, auf die angesichts immer größer werdender immaterieller Bedrohungen noch Verlass zu sein schien.
Mark Waters hat ein exzellentes Remake gedreht: "Freaky Friday" debütierte 1976 mit Jodie Foster und Barbara Harris in den Hauptrollen. Heute sind es eine herrlich spielfreudige Jamie Lee Curtis und die erstaunlich souveräne Lindsey Lohan, die Leib, Leben und Liebeskummer miteinander tauschen. Doch erst einmal ist Tess (Curtis) die prototypische Karrierefrau. Bewaffnet mit Handy und guten Ratschlägen für die Tochter ("Schreib gute Noten!") wirbelt sie durch ihren Alltag. Als Startherapeutin verarztet sie in Nullkommanichts kranke Seelen, ansonsten plant sie die Generalprobe für ihre Hochzeit. Tess wird heiraten, auch wenn sich Privatleben und Job bei soviel Stress eigentlich nicht vermählen lassen.
Anna (Lohan) ist ein typisches Highschool-Girl: frech, talentiert, verknallt in Jake (Chad Murray), den Beau der Schule, und kurz vor dem Sprung in eine Popkarriere. Wenn sie sich nicht von ungerechten Lehrern gängeln lassen muss, probt sie mit ihrer Band, schließlich steht ein Auftritt in einem angesagten Club bevor. Weil Hochzeitsprobe und Club-Konzert auf denselben Abend fallen, kommt's in einem chinesischen Restaurant zum Eklat. Man wirft sich Unverständnis, Egoismus vor - und dann erscheint überraschend die freundliche Bedienung, die zur Entspannung einen Glückskeks reicht. Der hat es in sich: Am nächsten Morgen wachen Mutter und Tochter auf - aber nicht im eigenen Körper. Anna, entsetzt über ihr Spiegelbild, greint: "Ich sehe aus wie der Crypt-Keeper!" Und Tess stellt schockiert fest, dass sie einen gepiercten Bauchnabel hat.
So beginnt das wunderbare Durcheinander: Tess als Anna muss die Schulbank drücken, pubertäre Jungs abwimmeln und Rockgitarre spielen. Anna als Tess entdeckt die Vorzüge einer erstklassigen Kreditkarte, kuriert die Zipperlein nerviger Patienten im Hauruckverfahren und flirtet mit einem zunehmend verwirrten Jake. Hier wird Waters' Film ganz zum Spielfeld für Jamie Lee Curtis: Virtuos und wunderbar unbeschwert gibt sie dem Mädchen in der Frau Gestalt. Umgekehrt überzeugt Lohan als ungewollt verjüngter Kontrollfreak, der am Ende auf offener Bühne ein Popkonzert absolvieren muss.
Wie alle Körpertauschkomödien pendelt auch "Freaky Friday" zwischen Farce und moralischer Erbauung. Zurückverwandelt werden die Heldinnen erst, wenn ihre Lektion gelernt ist. Toleranz und Nachsicht stehen auf dem Lehrplan - kein neues Programm, dass Waters hier in Szene setzt. Und dennoch zeigt sich im leibhaftigen Hin und Her eine kulturelle Tendenz der jüngsten Gegenwart. Verschwindet der Körper einerseits in einer mehr und mehr von flüchtigen Prozessen dominierten Arbeitswelt, feiert er andererseits sein Comeback in Erotik, Fitness - und in der Populärkultur.
Erfahrung, dies vermittelt "Freaky Friday" auf so humorvolle wie eindringliche Weise, muss unter die Haut gehen: Der Leib ist jene entscheidende Konstante, die Fremd- und Selbstwahrnehmung unausweichlich mitgestaltet. Die viel zitierte postmoderne Persönlichkeit, die sich per Mouseklick in Cyberwelten täglich neu entwirft, ist vielleicht gar nicht das Nonplusultra sozialer Unabhängigkeit; wer eine gute Figur machen will, braucht erst mal eine. Nicht zuletzt beweisen Michael Jacksons tragische Transformationen, was es bedeutet, seinen Körper loszuwerden - radikaler Wandel und Auslöschung liegen hier gefährlich nah beieinander.
Wie sehr bestimmte Vorstellungen mit bestimmten Körperbildern verbunden sind, zeigt sich übrigens schon in den Nebenrollen. So treten Magie, Zauberei und Exotik im US-Kino häufig mit asiatischen Schauspielern in Erscheinung, während Engel, Heilige oder gar der Höchste selbst gern mit Afroamerikanern besetzt werden. In "Freaky Friday" ist es also eine Chinesin, die den magischen Personentausch bewirkt. Das kann einem, trotz allem Amüsement, schon ein bisschen auf den Glückskeks gehen.
Freaky Friday - Ein voll verrückter Freitag ("Freaky Friday")
USA 2003. Regie: Mark S. Waters. Buch: Heather Hach, Leslie Dixon, Mary Rodgers (Roman). Darsteller: Jamie Lee Curtis, Lindsay Lohan, Chad Murray, Mark Harmon, Ryan Malgarini, Harold Gould. Produktion: Walt Disney Pictures, Gunn Films, Casual Friday Productions. Verleih: Buena Vista. Länge: 93 Minuten. Start: 11. Dezember 2003