"Gefühlt Mitte Zwanzig": Regisseur Noah Baumbach im Interview - DER SPIEGEL
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Regisseur Noah Baumbach "Je älter man wird, desto schwieriger wird es, Mist zu bauen"

Was heißt Erwachsensein? In "Gefühlt Mitte Zwanzig" verarbeitet Regisseur Noah Baumbach die Nöte alternder Hipster. Im Interview erklärt er, warum diese immer häufiger am Smartphone hängen - und wie er selbst mit dem Älterwerden umgeht.
"Gefühlt Mitte Zwanzig"-Regisseur Noah Baumbach
"Gefühlt Mitte Zwanzig"-Regisseur Noah Baumbach

"Gefühlt Mitte Zwanzig"-Regisseur Noah Baumbach

Foto: John Phillips
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Baumbach, nach eigenen Angaben sammeln Sie Ideen für Geschichten, einzelne Szenen und Orte über Jahre hinweg und setzen sie erst viel später zu Filmen zusammen. Wie ist "Gefühlt Mitte Zwanzig" entstanden?

Baumbach: Ich wollte schon länger einen Film über Paare machen, oder besser gesagt: Ich hatte eine Szene im Kopf, in der zwei Paare zusammensitzen und es dem einen Paar leichter fällt, über die Probleme des anderen zu sprechen als über seine eigenen. Dazu kam später dann noch die Idee, dass die Paare aus unterschiedlichen Generationen sein müssten, um noch eine andere Dynamik reinzubringen - dieser Aspekt kam aber erst in dem Moment hinzu, indem ich selber eine sehr peinliche, aber auch irgendwie menschliche Erfahrung machte: Ich war überrascht davon, wie alt ich schon bin.

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen speziellen Auslöser?

Baumbach: Nein, es war ein eher alltäglicher Prozess: Begegnungen und Gespräche mit jüngeren Menschen, die meine ersten Filme noch von VHS-Kassetten kannten, oder die bestimmte Dinge, an die ich mich sehr lebhaft erinnere, gar nicht präsent hatten, weil sie damals noch zu klein gewesen waren. Das setzte sich schließlich zu der Erkenntnis zusammen, alt zu sein. So alt, wie in meiner Vorstellung nur wirklich alte Leute werden.

SPIEGEL ONLINE: In "Gefühlt Mitte Zwanzig" machen Sie die Unterschiede zwischen den Generationen vor allem an deren Umgang mit Technik-Gadgets deutlich - die älteren sind auf Smartphones und Netflix fixiert, die jüngeren sammeln Vinyl und VHS. Sollte das nicht umgekehrt sein - und ist das wirklich der größte Unterschied?

Baumbach: Es ist ein schon ein bedeutender Unterschied, der viel über die Sozialisation der Paare in meinem Film erzählt. Mir hat es gefallen, zu zeigen, dass die Älteren viel stärker mit ihren Handys verwachsen sind - sie mussten sich technisch umgewöhnen, und nun halten sie verzweifelt an ihrer Errungenschaft fest. Für die Jüngeren ist die Digitalisierung so selbstverständlich, dass sie sich frei genug fühlen, die Analogkultur zu feiern.

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"Gefühlt Mitte Zwanzig": Ein alter Mann mit Hut

Foto: universum film

SPIEGEL ONLINE: Über Politik oder Werte diskutieren die Paare in Ihrem Film nicht.

Baumbach: Zunächst nicht, das stimmt. Das ältere Paar (gespielt von Ben Stiller und Naomi Watts - Anm. d. Red.) ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst und seine Jugend in dem jüngeren Paar (Adam Driver und Amanda Seyfried - Anm. d. Red.) zu spiegeln. Die Unterschiede bemerken sie erst, als es schon zu spät ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Ben Stillers Figur Josh solche Probleme, erwachsen zu sein?

Baumbach: Es ist ihm gar nicht bewusst, er ist schließlich verheiratet, hat einen Job. Er hängt nur alten Vorstellungen von Kreativität, Genie und Autorenschaft hinterher, dass es um die eine autoritative Stimme geht, statt um den gemeinschaftlich gestalteten Prozess, von dem heutzutage so viel die Rede ist. Als Josh sieht, dass sich Jamie davon nicht gebunden fühlt, empfindet er das als befreiend. Und was die Beziehung zu seiner Frau betrifft: Er hat beschlossen, dass zwischen ihnen alles geklärt ist - auch die Kinderfrage. Wären die beiden ehrlicher zu sich selbst und zueinander, würden viel mehr Konflikte aufbrechen. Beide versuchen eigentlich die ganze Zeit, sich ihr Leben rein verstandesmäßig zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Dabei erscheint das doch als die Essenz von Erwachsensein: alles vernünftig und rational anzugehen.

Baumbach: Ich glaube, je älter man wird, desto schwieriger wird es, Mist zu bauen. Du bist in einer Beziehung, du hast einen Job - das zu kippen und neu anzufangen, erscheint dir wie eine überwältigende Aufgabe. Und deshalb fängst du an, dir die Dinge mit Hilfe von Vernunft schön zu reden - bis es irgendwann nicht mehr geht. Mein Film hat eine klassische Screwball-Comedy-Anlage: Ein Paar fällt auseinander, um dann wieder zusammenzukommen. Das äußere Problem - das jüngere Paar - lässt eigentlich nur das innere Problem - die Unzufriedenheit in der Ehe von Josh und Cornelia - hervortreten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Stichwort Screwball schon genannt: "Gefühlt Mitte Zwanzig" ist ein sehr lustiger Film, der sich verschiedener Quellen von Komik bedient. War es eine bewusste Entscheidung, ihn so durchlässig für diverse Genres zu machen?

Baumbach: Eigentlich gehe ich alle meine Stoffe so an, als wären sie Komödien. Die Ideen, die mir kommen, fühlen sich oft an wie komische Deutungen der Dinge. Wenn ich den Stoff dann zu einem Film forme, bin zum Teil ich es, der dem Film eine Richtung gibt, zum Teil ist es der Stoff selbst, der den Film prägt. So tendiert einiges eher gen Drama, anderes eher gen Komödie, ohne dass es von vornherein beabsichtigt wäre.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Ihren Darstellern vor dem Dreh über ihr Verhältnis zum Älterwerden gesprochen?

Baumbach: Ein bisschen, ja. Aber bei jemandem wie Adam Driver musste man das gar nicht. Der ist eine "old soul", also gar nicht wie seine Figur Jamie, die auf Gadgets fixiert ist. Adam und ich sind bei den meisten Dingen auf einer Wellenlänge, deshalb sind Kategorien wie Alt und Jung für uns nicht sonderlich von Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Adam Driver ist ein so hipper Darsteller, dass man nicht auf die Idee käme, ihn als "old soul" zu bezeichnen. Aber wahrscheinlich ist genau das sein Geheimnis: Er bringt Gewicht und Bedeutung auch in die flüchtigsten Rollen.

Baumbach: Adam zu besetzen, hat dem ganzen Film erst seine Logik gegeben. Er ist so interessant und reizvoll, dass man versteht, warum sich ein älterer Mann wie Josh zu ihm hingezogen fühlt. Natürlich soll das auch ein Anlass zum Lachen sein, aber in gewisser Weise schützt es auch Josh als Figur, denn man kann nachvollziehen, warum er sich so in die Freundschaft mit einem Mittzwanziger stürzt.

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"Frances Ha": Planlos in Chinatown

Foto: MFA

SPIEGEL ONLINE: Gefällt es Ihnen, wenn man Ihren Film "zeitgeistig" nennt?

Baumbach: "Gefühlt Mitte Zwanzig" hat womöglich mehr über das Heute zu sagen als meine vorherigen Filme. Das habe ich zuvor durchaus vermieden. "Francis Ha" habe ich in Schwarzweiß gedreht, um den Film zeitloser wirken zu lassen. Jetzt thematisiere ich eher zeitgenössische Ängste, deshalb finde ich das Label "Zeitgeist" nicht weiter störend.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Zeitgeist-Gehalt etwas damit zu tun, dass dies Ihr am wenigsten autobiografischer Film sein soll?

Baumbach: Ich weiß nicht, ob es mein am wenigsten autobiografischer Film ist, er ist in jedem Fall persönlich. Themen wie Alter und die Verwerfungen zwischen den Generationen sind gerade im Gespräch, die konnte ich einfach nicht ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir Ihrer Meinung nach zu viel oder zu wenig übers Älterwerden?

Baumbach: Generell reden wir sehr viel darüber - aber zu selten wirklich ehrlich. Wenn ich gefragt werde, wie es mir mit dem Älterwerden geht, weiß ich keine Antwort darauf - so wie jeder andere wahrscheinlich auch. Rational ist Älterwerden ja kein besonders schwer verständliches Konzept, es emotional zu verstehen, ist der schwierige Teil.

Hier unsere Videorezension von "Gefühlt Mitte Zwanzig"