Gewalt im Kino Schneewittchen ultrabrutal
Wenigstens US-Politiker kennen noch Zucht und Anstand. Was sind schon Waffenschmuggel und Trunkenheit am Steuer? Das wahre Böse heißt Hollywood. Sittsame Teenies treibt es mit seinen Filmen zum Massenmord. Es duldet, dass sich unschuldige Kinder in Vorstellungen von Erwachsenenfilmen schleichen. Noch schändlicher: Es verführt die lieben Kleinen zum Konsum von Gewalt und Sex, indem es für derlei Streifen im Jugendprogramm wirbt.
Kein Wunder, dass Clintons Vize es bis zum Schluss schwer hatte, die Wähler für sich zu gewinnen, schließlich bedeutet "Gore" im amerikanischen Sprachgebrauch nichts anderes als "Blut". Keine Frage: Amerikas Tugendwächter gehen wieder auf Patrouille. Seit Wochen liest Washington der Filmindustrie die Leviten. Und das wird auch nach der Wahl so weitergehen. Da das Land keine wichtigeren Probleme hat, plant man Schritte gegen die jugendgefährdende Werbung der Branche. "Jetzt reicht es", tönte Lynne Cheney, Frau des republikanischen Vizepräsidentschafts-Kandidaten. Sogar dem frischgebackenen Amerikaner Pierce Brosnan ist das aufgefallen. Immerhin fand sein Biografiefilm "Grey Owl" keinen US-Verleiher, "weil Hollywood den Einsatz in Sachen Sex und Gewalt" erhöht hat. Sagt er. Und nicht etwa weil der Streifen in Europa durchgefallen war.
Natürlich haben die Studiobosse die Zeichen der Zeit erkannt. Einige waren schon zum Kniefall in Washington und gelobten Besserung. Regisseur Paul Verhoeven, nicht gerade bekannt für sittliche Erbauung, fürchtet sich daher schon vor der kommenden Soft-Ware: "Man wird uns zwingen, Drehbücher abzuschwächen oder unsere Filme gar nicht mehr zu machen." Vielleicht gibt's dafür ja bald die Teletubbies in Cinemascope.
Dabei wäre es doch so leicht, die Moralin-Junkies auszutricksen: Filmemacher müssten einfach nur Märchen, Mythen und ein paar Klassiker verfilmen. Wer könnte gegen so erhabene Stoffe etwas einwenden? Unterm braven Deckmantel geht's dann richtig zur Sache: Mord und Vergewaltigung, Krieg und Inzest. Denn Märchen und Sagen, Grundstock aller erzählbaren Geschichten, sind bekanntermaßen brutaler und freizügiger, als Hollywood sich je zu zeigen wagte. Einer der größten Dichterstars war mithin genauso ein Poet der Gewalt wie ein "Shakespeare In Love". Mit gutem Grund: Die besten Geschichten versetzen nicht in Narkose, sie zeigen erst mal auf die Wunden, die nun einmal zwangsläufig zum Leben gehören.
Roman Polanski verteidigte in einem Interview den schockierenden Schluss von "Chinatown": "Sie wollen doch, dass das Publikum weiter über den Film nachdenkt. Deshalb können Sie nicht einfach ein paar Ungerechtigkeiten zeigen und dann am Schluss wieder alles gut machen." Deshalb die Konsequenz: Brutalität im Kino bitte! Und Sex sowieso, lieber mehr als weniger. Halt, stopp, was soll das heißen? Mehr gespaltene Schädel und pornografisches Poppen? Das kommt immer noch ganz auf den Film an. Ein Kopfschuss in "American Beauty" ist nicht das Gleiche wie ein Tollschock in "Freitag, der 13.". Aber wer will schon ein auf jugendfrei gestutztes "Uhrwerk Orange" oder eine halb durchgestrichene "Schindlers Liste"?
Selbst niedliche Disney-Streifen wie "Bambi", "Schneewittchen" oder "Toy Story" attackieren schließlich mit Gewaltszenen. Was die American Medical Association übrigens jüngst dazu veranlasste, eine Warnung an alle Eltern auszusprechen. Als sei der Schutzzaun um die Kids noch nicht hoch genug. Wer's nicht glaubt, versuche in einer Videothek selbst hier zu Lande so unterschiedliche Filme wie "Das Omen" oder Verhoevens "Der vierte Mann" auszuleihen. Vom Zensor im deutschen TV-Abendprogramm ganz zu schweigen. Nur weil manche Kids freiwillig über die errichteten Zäune springen, brauchen wir noch lange kein kastriertes Kino...