Ghosts of Mars: Grab der Selbstplagiate - DER SPIEGEL
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Ghosts of Mars Grab der Selbstplagiate

Mit einem blutigen, aber lahmen Science-Fiction-Splatterfilm beutet John Carpenter zahllose Motive seiner früheren Werke aus und huldigt wieder mal seinem Western-Idol Howard Hawks.
Von Oliver Hüttmann
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Der große Regisseur Howard Hawks verabschiedete sich 1970 mit einem Film, der noch mal die gute alte Zeit des Westerns beschwor. Anhand von Genretopoi wie dem US-Bürgerkrieg, hart arbeitenden Farmern und einer Stadt, die von einem reichen Rancher tyrannisiert wird, zog "Rio Lobo" mit John Wayne als väterlichem Raubein das verlässliche Spiel von Verrat und Verantwortung, Freundschaft und Heldenmut auf. Vor allem aber zitierte er sich in dem ebenso unterhaltsam wie schlampig inszenierten Werk einmal mehr selbst. Das Motiv von den Guten, die sich mit einem Gefangenen vor den Bösen im Büro des Sheriffs verschanzen und auf die Kavallerie warten, hatte Hawks zuvor bereits zweimal benutzt. Mehr noch: Bei "Rio Bravo" und "El Dorado", beide auch mit Wayne, verfilmte er dieselbe Geschichte.

John Carpenter liebt Western, und neben John Huston verehrt er besonders Hawks, dem er in seinen Filmen mehr als einmal die Referenz erwies. In Kombination mit George A. Romeros Zombie-Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten" abstrahierte er für "Assault ­ Anschlag bei Nacht" von 1976 den Belagerungszustand aus "Rio Bravo" und "El Dorado" kühl zu einem klaustrophobischen Szenario, bei dem einige Polizisten und ein Häftlingstransport in einem gerade geschlossenen Revier von einer gespenstischen Horde Krimineller umzingelt werden. Er drehte ein Remake von "Das Ding aus einer anderen Welt", den Hawks produziert hatte, erinnert mit manchen Jagdszenen in "Vampire" an Hawks Safari-Abenteuer "Hatari!" und hat sogar mit "Flucht aus L.A." knapp 15 Jahre nach "Die Klapperschlange" ebenfalls denselben Plot zweimal verfilmt. Sein John Wayne hieß nur Kurt Russell.

Dreht man die Spirale weiter, kann man seinen neuen Film "Ghosts Of Mars" durchaus als Carpenters "Rio Lobo" bezeichnen ­ oder als letzte Schlacht eines müden Visionärs, der einst mit "Halloween" den modernen Horrorfilm erfunden hat. Denn es sind die Geister seiner Vergangenheit, die hier spuken, als wolle er noch mal alles beschwören, was den von Kritikern und dem Massenpublikum längst ignorierten Meister des Schreckens ausgemacht hat.

Dazu passt auch, dass die Story auf dem Mars als Rückblende angelegt ist: Lieutenant Ballard (Natasha Henstridge) berichtet als einzige Überlebende einer Einheit der Mars-Polizei einem Untersuchungsausschuss. Die fünfköpfige Truppe von Commander Braddock (Pam Grier) ist mit einem gepanzerten Zug unterwegs zu einer Siedlung, wo sie den inhaftierten Verbrecher James "Desolation" Williams (Ice Cube) abholen soll. Doch der Ort ist wie ausgestorben, nur Williams hockt noch in seiner Zelle. In einigen der Gebäude liegen abtrennte Körperteile und baumeln verstümmelte Leichen von der Decke. Und während die Cops im Gefängnis noch rätseln, füllen sich die Straßen plötzlich mit Massen von Gestalten, die gepierct und bemalt sind wie Marilyn Manson, Speere und Macheten schwingen wie Steinzeitwilde und grunzen wie Ausgeburten der Hölle. Man kann sich also auf ein Gemetzel einstellen.

In "Ghosts Of Mars" hat Carpenter die blutige Detailliebe aus Splattermovies, die Ideologien von Science-Fiction-Filmen, die Naivität des phantastischen Kinos der fünfziger Jahre und die Kostümierung wie in Fantasy-Abenteuern der Achtziger für einen Kampf der archaischen Natur gegen die menschliche Zivilisation zusammen geramscht und vor allem sich selbst ausgeweidet. Vor billigen apokalyptischen Kulissen, die an "Die Klapperschlange" erinnern, inszeniert er ein weiteres Mal den Plot von "Assault". Die "Ghosts Of Mars" sind eine alte, mystische Macht wie bei "Die Fürsten der Finsternis", kommen wie in "The Fog ­ Nebel des Grauens" als unheilvoller Dunst über die Menschen und lassen jene wie in "Das Ding aus einer anderen Welt" zu Monster mutieren, die aussehen, agieren und abgeschlachtet werden wie in "Vampire". Und wenn sich die kleine Gruppe schließlich Seite an Seite auf der Hauptstraße zum Zug durchschlagen will und dabei die Bösen von den Dächern ballert, greift Carpenter auch das am häufigsten verwendete Motiv des Westerns auf.

John Carpenter hat eigentlich immer schon anachronistische Filme gedreht und mit einigen eben den Nerv der Zeit getroffen. Er hat in seiner Karriere oft Prügel von Kritikern einstecken müssen - und als letzter Genrefilmer dennoch überlebt. "Ghosts Of Mars" aber ist nun ein gänzlich totes Gebilde, ein Grab der Selbstplagiate, mit dem sich sein schleichender Niedergang fortsetzt. In Amerika hat der Film nur knapp neun Millionen Dollar eingespielt. Aber in naher Zukunft, noch bevor der Mensch den Mars besiedelt, werden die eingefleischten Carpenter-Fans auch diesen Streifen zum Kult erhoben haben.

"John Carpenter¹s Ghosts Of Mars", USA 2001. Regie: John Carpenter; Drehbuch: John Carpenter, Larry Sulkis; Darsteller: Ice Cube, Natasha Henstridge, Pam Grier, Jason Statham; Länge: 110 Minuten; Verleih: Columbia TriStar; Start: 18. Oktober 2001.