"Gladiator" Verkniffener Märtyrer
Nomen est omen. "Der Untergang des römischen Reiches hieß 1964 der letzte Monumentalfilm, denn das Genre verendete an ähnlichen Übeln wie sein antikes Vorbild: Gigantomanie, Eitelkeit und Dekadenz. Kurz vorher war Joseph Mankiewicz "Cleopatra" mit Elizabeth Taylor und Richard Burton zum veritablen Flop geraten. Von wechselnden Regisseuren war drei Jahre an einem Kolossalschinken gedreht worden, der noch immer als teuerster Film aller Zeiten gilt und mit vier Stunden auch einer der längsten ist. Im Filmbabel Hollywood gehört Größenwahn jedoch längst zum Tagesgeschäft - umso mehr, seit man die vormals kostspieligen Kulissen und Statisten günstig am Rechner erstellen kann.
Ohne Computertechnik, etwa um das römische Kolosseum digital zu restaurieren und mit Menschen zu füllen, hätte Ridley Scotts "Gladiator" wohl nie die Arena betreten. 107 Millionen Dollar hat seine Sandalensaga dennoch gekostet, die bei einer Dauer von fast zweieinhalb Stunden und mit gleich drei Drehbuchautoren alle epischen Dimensionen erfüllt. "A hero will rise", kündigten Plakate mit biblischer Inbrunst den Phoenix auf Zelluloid an, und am Tag seiner Wiederauferstehung strömten die Amerikaner tatsächlich zu Scharen in ihre Multiplex-Tempel. Der Todgeweihte triumphiert: 27 Millionen Dollar setzte "Gladiator" am ersten Wochenende um, inzwischen ist die magische 100 Millionen-Dollar-Grenze längst überschritten. Das Kino-Spektakel des Sommers ist eröffnet.
Als sollte die filmhistorische Bedeutung dieses Werkes betont werden, spielt "Gladiator" im Jahre 180 nach Christus, demselben Jahr, in dem bereits "Der Untergang des römischen Reiches" begann. Der greise Kaiser Marcus Aurelius (Richard Harris) verfolgt an der Grenze zu Germanien die Entscheidungsschlacht gegen die letzten beharrlichen Barbaren. Er bittet seinen siegreichen General Maximus (Russell Crowe), jener möge nach seinem Tod die Macht wieder dem Senat übertragen. Sein jähzorniger Sohn Commodus (Joaquin Phoenix) erwürgt ihn daraufhin und befiehlt die Exekution des loyalen Feldherrn. Maximus kann fliehen, die Ermordung seiner Familie aber nicht verhindern. Verletzt von Sklavenhändlern aufgegriffen, wird er nach Nordafrika verschifft, dort an Proximo (Oliver Reed) verhökert und zum Gladiator ausgebildet. Zurück in Rom wird er im Kolosseum Rache nehmen und nebenbei die Demokratie, die Menschenwürde und den Frieden des gesamten Reiches retten.
Die Referenzen an "Ben Hur" und "Spartacus" sind nicht zu übersehen. Doch bleibt das Gefühl, man könnte die dünne Story über Intrigen und Inzest, Meuchelei und Macht auf eine römische Sesterz pressen. Crowe brilliert nach "The Insider zwar wieder mit der angestrengten Mimik unterdrückten Zorns und zeigt seine beeindruckend behende Athletik, wirkt mit der Einsilbigkeit des Gladiators aber unterfordert. Maximus reiht sich damit in Scotts Heldengalerie verkniffener Märtyrer wie "Blade Runner", "1492 - Die Eroberung des Paradieses" oder "G.I. Jane" ein, deren Emotionen vor allem durch Gesten oder Kulissen symbolisiert wurden. In "Gladiator" sind es der Schein von Fackeln und Ölfunzeln, wehende Vorhänge und riesige, mit Büsten vollgestopfte Prachthallen, die eine klaustrophobische Atmosphäre schaffen.
"Gladiator beginnt mit einem Bild spiritueller Jenseitigkeit. Nahaufnahmen von Kornähren werden plötzlich überblendet von Bildern verbrannter Erde. Doch im Gegensatz zu den Psychokrüppeln aus "Fight Club" oder "American Beauty" braucht der Gladiator Maximus keine physische Therapie, um sich für das Unabwendbare zu stählen - der in zahlreichen Schlachten erprobte Ex-General ist bereits Manns genug. "Wenn ihr euch auf einem blühenden Feld wiederfindet und die Sonne auf euer Gesicht scheint, seid nicht verängstigt", sagt er zu seinen verdreckten und ausgemergelten Legionären. "Denn dann seid ihr im Elysium und unwiderruflich tot." Das darauf folgende Gemetzel ist natürlich trotzdem ähnlich schonungslos und furchterregend wie in "Braveheart" oder "Der Soldat James Ryan". Und je weiter Maximus ins Getümmel vordringt, desto mehr visualisieren sich die Schwerthiebe durch schnellere, schärfere Schnitte, bis sie per Zeitlupe zum kathartischen Rausch werden.
Imponierend choreografiert sind auch die Gladiatorenkämpfe. Einmal rast eine Axt derart direkt auf die Kamera zu, als müsse nicht der Filmgegner, sondern der Zuschauer im Kino um seinen Hals bangen. So ist wahrscheinlich nicht nur das gepixelte Publikum im virtuellen Kolosseum gemeint, dem Maximus - einem unterlegenen Widersacher den Todesstoss verweigernd - angewidert entgegen brüllt: "Are you not entertained?" Doch, doch!
"Gladiator". USA 2000. Regie: Ridley Scott; Buch: David Franzoni, John Logan, William Nichoson; Darsteller: Russell Crowe, Joaquin Phoenix, Richard Harris, Ralf Möller. Verleih: UIP; Länge: 154 Minuten