"Goya" Der blühende Wahnsinn
Mit seinem 34. Film hat der spanische Regie-Altmeister Carlos Saura ("Carmen") sein bisher ehrgeizigstes Projekt vorgelegt, eine filmische Phantasie über eines der größten spanischen Maler-Genies. Aus moderner Sicht gilt Francisco de Goya als Vorläufer der Tiefenpsychologie: Wie kein anderer offenbarte er in seinem Werk die Alpträume, sexuellen Triebe und Aggressionen, die sich unter den jahrhundertealten spanischen Unterdrückungsregimes Bahn brachen: in Kriegsgräueln, Stierkämpfen und Folterungen.
Carlos Saura, der das Drehbuch selbst schrieb, verfilmte das Leben und die Innenwelt Goyas. Die Bühne ist des Malers eigener Kopf, der Ausgangspunkt die letzte Station im Leben des 82-Jährigen: das Exil in Bordeaux. Erinnerungen und Rückblenden zeigen den ehrgeizigen Kampf Goyas um Anerkennung am spanischen Hof, seine große Liebe zur hinreißenden Herzogin von Alba und die mannigfachen Umbrüche, denen der Maler im Laufe seines langen Lebens ausgesetzt war. Francisco Rabal spielt den späten Goya mit dämonisch-starrsinniger Intensität: Seine Augen scheinen alles gesehen zu haben.
Die Bilder sind dramatisch und hoch expressiv: Blutrote und leichentuch-weiße Schauplätze blenden das Auge des Betrachters, er wird von ihnen heimgesucht wie der Maler von den Ungeheuern seiner Erinnerungen. Auch das mondäne Leben bei Hofe wird bebildert, wie auch die delikaten erotischen Momente zwischen der kapriziösen Herzogin und dem Maler, der in seinem eigensinnigen Stolz an Beethoven erinnert.
Der ganze Film ist ein einziges filmisches Gemälde, dessen Bilder den Zuschauer zu verfolgen trachten wie Alpträume. Eine große Szenen-Collage aus den berühmten Goyaschen "Schrecken des Krieges" wird von der katalanischen Action-Theatergruppe "La Fura dels Baus" nachgestellt, und zahllose Details aus Goyas Oeuvre sind für den Film in unterschiedlichsten Materialien reproduziert worden.
Einer der schönsten Einfälle des Films ist die Beziehung des Malers zu seinem kleinen Kind (wunderbar: Daphne Fernandez): dieser letzten Tochter, die von ihm als Frau und Wissende behandelt werden will und deren Phantasien von dem Greis so ernst genommen werden wie von einem kindlichen Freund. Der Kunstgriff dieser Gespräche gibt viele von Goyas philosophischen Betrachtungen über die Kunst, die Liebe und die Rolle der Phantasie preis. "Man kann im Geiste die größten Verbrechen begehen, ohne dafür bestraft zu werden. Es gibt nur eine Gefahr: Man muss rechtzeitig aufhören. Sonst blüht der Wahnsinn."
Am Ende wird der Maler tatsächlich von seinen eigenen Visionen heimgesucht: die Geschöpfe seiner Leinwände treiben ihn ins Jenseits. Nicht ohne der wissbegierigen kleinen Tochter Folgendes mit auf den Weg gegeben zu haben: "Mach es besser oder schlechter, aber gehe deinen eigenen Weg."
"Goya" (Goya en Burdeos). Spanien 1999. Regie: Carlos Saura; Darsteller: Francisco Rabal, José Coronado, Daphne Fernández, Maribel Verdú, Eulalia Ramón. Verleih: Arthaus; Länge: 106 Minuten; Start: 28.10.2000.