"Gran Paradiso" Alpenpanorama im Fernsehformat
Es ist vollbracht: Sieben Bergsteiger haben den Gipfel des "Gran Paradiso" bezwungen. Triumph überwiegt die Erschöpfung. Zur Crew gehören zwei geistig Behinderte und ein Querschnittsgelähmter, der die letzten Höhenmeter im Huckepack zurückgelegt hat. Im feierlichen Rundflug umkreist die Kamera die Helden. Aber das ist kein TV-Spot für "Aktion Sorgenkind", die jetzt "Aktion leben" heißen soll, es ist das Happy End eines dramatischen Spielfilms, das hier guten Gewissens vorweggenommen darf. Wer die ersten zehn der insgesamt 106 Minuten hinter sich gebracht hat, wird dieses Ende absehen, und danach dürfte der Aufstieg auf den stolzen Viertausender dem Zuschauer kaum weniger beschwerlich fallen als den Protagonisten und ihren Darstellern.
Schon der Titel lässt Schlimmes befürchten, und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein Motorradunfall hat Mark (Ken Duken) an den Rollstuhl gefesselt und seiner Vorliebe für extravagante Outdoor-Abenteuer ein Ende gesetzt. Sein Traum vom "Gran Paradiso" ist auf immer ausgeträumt. Doch da kommt Lisa (Regula Grauwiller), die engagierte Physiotherapeutin, mit dem verwegenen Plan, ihren lebensmüden Patienten doch noch auf den Gipfel seiner Sehnsucht zu bugsieren. Drei Knackis auf Freigang dürfen sich bei dem Projekt unter der Aufsicht eines Sozialarbeiters bewähren, ein debiler Kraftprotz (Alexander Hörbe) soll als Lastesel mit, die ebenfalls geistig behinderte Rosi (Antje Westermann) versteckt sich als blinder Passagier im Reisegepäck. Eine Gruppe ungleicher Individuen auf innerer Erweckungsreise, die klassische Initiationsgeschichte, in der jeder seine eigenen Grenzen und die Stärke der Gemeinschaft erfahren wird. Vor der Kraft der Natur sind alle Menschen gleich und alle gleich behindert.
Doch in der Inszenierung des Kinodebütanten Miguel Alexandre verflacht die hochfliegende Botschaft schnell auf Normalnull. Die Handlung verläuft schematisch und klischeedurchsetzt, die Beziehungsmuster sind wie nach Schablone gefertigt. Zwei arrogante Hightech-Alpinisten, auf derselben Route unterwegs, dienen als integratives Feindbild, wecken das Wir-Gefühl im Kollektiv der Underdogs. In den Nebenrollen werden soziale Problemfelder zitiert, wobei Antje Westermann und Alexander Hörbe in der Darstellung psychischer Behinderung schauspielerisch die dankbarste Aufgabe zufällt, die Hassfreundschaft zwischen dem Türken Rocky (Erhan Emre) und dem Neonazi Edwin (Frank Giering) sorgt für kurzfristige Belebung in den Dialogen. Ansonsten wirken die Akteure sichtlich angestrengt unter der Last der Moral, die sie vermitteln sollen. Regula Grauwiller verschanzt sich hinter sozialpädagogischem Betroffenheitsgestus. Dass sie als Objekt der Begierde zwischen Mark und dem straffälligen Wolf (Gregor Törzs) emotionale Konflikte schüren soll, lässt den Zuschauer so kalt wie der unvermeidliche Schneesturm, der auf halber Höhe des Geschehens die lasche Spannungskurve aufbläht. Ein laues Drama, das sich in seiner aufdringlich guten Absicht nur selbst gefällt.
"Gran Paradiso - Das Abenteuer Mensch zu sein". Deutschland 2000. Regie: Miguel Alexandre; Drehbuch: Georg Heinzen; Darsteller: Ken Duken, Regula Grauwiller, Gregor Törzs, Frank Giering, Erhan Emre, Alexander Hörbe, Antje Westermann. Länge: 106 Minuten. Verleih: Warner Bros.; Start: 9. November 2000.