Gruselfilm "Dark Water": Der feuchte Fluch - DER SPIEGEL
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Gruselfilm "Dark Water" Der feuchte Fluch

Regisseur Walter Salles wagt mit seinem Gruselfilm-Remake "Dark Water" den Sprung in das boomende "Japan Horror"-Genre. Statt einer Geisterbahnfahrt erwartet den Zuschauer ein subtil verstörendes Melodram mit der grandiosen Jennifer Connelly als Hauptdarstellerin.
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Wenn es um dräuende Gefahr im Gruselgenre geht, tut Kindermund meist Schrecken kund: "This is not the city", konstatiert die kleine Cecilia nüchtern, wenn sie das erste Mal mit ihrer frisch geschiedenen Mutter Dahlia von Manhattan nach Roosevelt Island fährt. Cecilias vielsagende Beobachtung benennt gleich zu Beginn die gleichsam beunruhigende wie faszinierende Verbindung aus Topographie und dem metaphysischen Unbekannten im US-Remake des japanischen Horrorfilms "Dark Water": Denn der Umzug auf das von heruntergewirtschafteten Hochhausbauten durchzogenen Eiland bedeutet nicht allein einen sozialen Abstieg für die vom Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann Kyle (Dougray Scott) aufgeriebene Frau und ihre Tochter, sondern darüber hinaus den Übertritt in eine diffuse Grauzone zwischen Dies- und Jenseits.

Jenes spukgeschwängerte Niemandsland beackerten schon die massenkompatiblen und immens erfolgreichen Neuverfilmungen "The Ring", "The Grudge" und zuletzt "The Ring Two", mit denen Hollywood geschäftstüchtig die innovativen Schocker des jüngeren japanischen Genrekino für sein globales Publikum ummünzte. Auf den ersten verängstigten Blick hin scheint sich "Dark Water" denn auch nahtlos in diese Reihe publikumswirksamer "J-Horror"-Adaptionen zu fügen: Das Original aus dem Jahr 2002 inszenierte schließlich Hideo Nakata, Regisseur des bahnbrechenden Ur-Rings "Ringu" (1998) und seitdem inoffizieller Doyen der neuen japanischen Horrorwelle. Damit nicht genug, stammt die literarische Vorlage von Kôji Suzuki, dessen populäre Romane bereits Grundlage der Ring-Saga waren.

Ein Umstand, welcher gerade bei den Anhängern der bisherigen, auf nervenzerrenden Bild- und Tonterror bedachten US-Remakes zu missverständlichen Erwartungen führen könnte. Denn wer sich vorrangig eine weitere hochtourige Geisterbahnfahrt erhofft, dürfte von "Dark Water" schlichtweg enttäuscht sein. Dabei übt sich der brasilianische Regisseur Walter Salles, bekannt für seine lebensbejahenden Melodramen "Central do Brasil" und "Die Reise des jungen Che", bei seinem oberflächlich betrachtet atypischen Ausflug ins Horrorfach lediglich in Originaltreue: Schon Nakatas Version verzichtete weitgehend auf grobe Effekte zugunsten einer behutsam aufgebauten Drohkulisse, die langsam aber unerbittlich jeden Ausweg versperrt.

Substanz statt Schock

Von Anfang an wirft selbige ihre wachsenden Schatten auf Dahlia und ihre Tochter, denn das marode Apartmentgebäude, in dem die beiden durch die Vermittlung des jovialen Maklers Mr. Murray (John C. Reilly) unterkommen, ist mehr als nur ein Hort für zwielichtige Charaktere wie den einsilbigen Hausmeister Veeck (Pete Postlethwaite). Zunächst sind es nur undefinierbare Geräusche in den morschen Wohnungswänden und ein verlorener Kinderrucksack, die Rätsel aufgeben. Doch dann verbringt Cecilia immer mehr Zeit mit einer unsichtbaren Spielgefährtin namens Natascha. Und auch der ominöse Wasserfleck an der Decke des Kinderzimmers nimmt zusehends monströse Ausmaße an.

Zerrissen von den Zwängen ihrer Lebenssituation und getrieben von der Angst um Cecilia muss sich Dahlia bald den dunklen Fluten stellen, die sich in den Fluren der verwinkelten Mietskaserne zusammenbrauen. Aber ist der feuchte Fluch tatsächlich die Manifestation eines rastlosen Geists, oder bahnen sich vielmehr Dahlias versunkene Kindheitstraumata einen Weg durch die rostigen Adern des lebensfeindlichen Sozialbaus?

Klingt als ob der Seelenklempner zweimal klingelt - oder eben nicht: Was allzu leicht in albernen Sanitär-Grusel hätte abdriften können, gerät unter Salles' Regie zu einem ernsthaften "Kitchen Sink"-Drama der übernatürlichen Art. Das titelgebende schwarze Wasser steht hier - wie das todbringende Videoband der "Ring"-Filme - für jenen fließenden Übergang zwischen dem Totenreich und unserer Alltagsrealität, welcher alle japanischen Horrorfilme auszeichnet. Diese Vorstellung einer stetigen und sinnstiftenden spektralen Präsenz der Verstorbenen wurzelt tief in den kulturell-religiösen Traditionen Japans und grenzt den "J-Horror" scharf von der reaktionären Fremdenfurcht US-amerikanischer Gruselschocker ab: Wo in Hollywoods wertkonservativen Alpträumen die bedrohte Kernfamilie angesichts des eindringenden Unbekannten - ergo Bösen - gleich nach dem nächsten Exorzisten schreit, kann es in den japanischen Geistergeschichten nie um Ausgrenzung, sondern nur um eine möglichst friedliche Koexistenz mit dem übernatürlichen Anderen gehen.

Weil "Dark Water" auf mittlerweile abgenutzte Schockstandards des Japan-Horrors verzichtet, vermittelt er diese zutiefst verunsichernde Erkenntnis mit einer fast somnambulen Stilsicherheit, die dem Wesen der japanischen Vorlagen weit mehr entspricht als die effektheischende Panikmache anderer US-Remakes.

Bewundernswert ist zudem die Konsequenz, mit welcher Salles die soziale Realität seiner Protagonistin mit der Sphäre des Phantastischen verschränkt: Eine alleinerziehende, intelligente, oft zweifelnde aber zugleich beeindruckend bestimmte junge Frau als glaubwürdige Heldin eines Horrorfilms zu etablieren, ist ein Verdienst, das man angesichts eines immer noch virulenten Sexismus und des altbackenen Familienbilds im Genre gar nicht hoch genug bewerten kann.

Das ewige Licht im Dunkel

In der wie immer großartigen Jennifer Connelly hat der Film eine Hauptdarstellerin, die mutig alle emotionalen und psychologischen Untiefen dieser Figur mit ihrer zutiefst anrührenden Darstellung auslotet. Ohne Frage haben Filme wie "Requiem for a Dream" oder "House of Sand and Fog" ihren Status als "thinking man's movie star" längst zementiert. Doch hier vollführt sie eine faszinierende Rückkopplung dieser Charakterrollen an die fast vergessenen Teenagerjahre ihrer Karriere, als sie sich unbeirrbar den Grausamkeiten in Dario Argentos schwülem Horror-Tableau "Phenomena" (1985) stellte und ebenso rigoros ihren kleinen Filmbruder aus Jim Hensons "Labyrinth" (1986) befreite. Ganz gleich ob sie nun gegen innere oder äußere Dämonen antreten muss: Heute wie damals geht ein irisierendes Leuchten von ihr aus, welches selbst die tiefste Dunkelheit durchdringen kann.

Auch Connellys Dahlia bewahrt sich dieses Strahlen trotz der todtraurigen Ereignisse von "Dark Water". Alleingelassen im Dauerregen einer Welt, in der das Vergessen und das Versagen zwischenmenschlicher Bindungen ohnmächtiges Grauen heraufbeschwören, spendet es ihr und uns Gewissheit und Trost. Denn wie das unaufhaltsame Wasser, so finden letztlich die Wahrheit und die Liebe immer einen Weg ans Licht.


Dark Water

USA 2005. Regie: Walter Salles. Buch: Kôji Suzuki, Hideo Nakata. Darsteller: Jennifer Connelly, Ariel Gade, John C. Reilly, Dougray Scott, Tim Roth, Pete Postlethwaite. Produktion: Post No Bills Films, Pandemonium Productions, Touchstone Pictures, Vertigo Entertainment. Verleih: Buena Vista. Länge: 105 Minuten. Start: 22. September 2005