"Hamlet" Weltschmerz-Prinz mit Digicam
Die Bildungspharisäer gerierten sich vor Häme, aber so falsch lag der birnenweiche Kraftkerl Zlatko dann doch nicht: Shakespeare machte zwar keine Filme, aber der Film macht gerne in Shakespeare. In 100 Jahren Kino wurden von dem englischen Bühnendramatiker gut zwei Dutzend Stücke weit über 400-mal verfilmt. Sogar die Teenie-Komödie "10 Dinge, die ich an dir hasse" ist von "Der Widerspenstigen Zähmung" inspiriert und Disneys Zeichentrickfilm "König der Löwen" an "Hamlet" angelehnt. Schriebe Shakespeare heute Drehbücher, dürfte er ein stattliches Millionenhonorar erhalten und mit seinen Stories aus Intrigen, Mord, Rache, Wahnsinn und Sex für mehr Skandale sorgen als der "Basic Instinct"-Autor Joe Eszterhas.
Shakespeare ist der globale Goethe: vereinnahmt als vielseitig konserviertes Kulturgut und zitierbar sogar für Kalendersprüche an der Küchenwand. Neben dem tragischen Liebespaar "Romeo und Julia" ist der dänische Weltschmerz-Prinz Shakespeares bekannteste Figur. Als bedeutendste Adaption gilt Lawrence Oliviers Schwarzweiß-Film von 1948. Franco Zeffirelli inszenierte 1990 Mel Gibson als Titelheld. Musterschüler Kenneth Branagh ("Henry V.") verblüffte 1996 mit einer Umsetzung der vierstündigen Originalfassung, wofür er die Handlung ins 19. Jahrhundert verlegte. Und in Michael Almereydas Version ist Hamlet nun tatsächlich in der Gegenwart angekommen.
Etwas faul ist daher nicht im Staate Dänemark, sondern beim Multimedia-Konzern Denmark Corporation, der in einem klaustrophobisch anmutenden Wolkenkratzer am New Yorker Times Square residiert. Der Vorstandsvorsitzende ist tot, sein smarter Bruder Claudius (Kyle MacLachlan) hat den Posten übernommen und die Witwe Gertrude (Diane Venora) gleich mit geheiratet. Ihrem Sohn Hamlet (Ethan Hawke) behagt das gar nicht. Missmutig erträgt der Filmstudent seine Verwandten, die aufgesetzt plappern und versöhnlich auf ihn einzuwirken versuchen. Sein Misstrauen wird bestätigt, als ihm der Geist seines Vaters (Sam Shepard) erscheint: Claudius habe ihn ermordet, Hamlet soll ihn rächen. Den antriebslosen Burschen macht die Wahrheit nicht wagemutiger: Er hadert und zweifelt, statt zielstrebig zu handeln, und trägt so lange eine Pistole mit sich herum, bis er im Affekt den Falschen erschießt.
In "Hamlet" hatte Shakespeare eine universelle, zeitlos gültige Weltanschauung verdichtet, für die man nicht unbedingt postmoderne Parabeln bemühen muss. Dennoch ist Almereyda eben dies plakativ gelungen. "The Denmark Corporation" heißt seine "Hamlet"-Interpretation im Untertitel der durchaus als Sinnbild für eine skrupellose Weltwirtschaftsverschwörung der New Economy und des Shareholder Value gedeutet werden kann. Claudius ist deren Apologet, ein kalt lächelnder, durchtriebener, durchtrainierter Karrierist. Und Hamlet ist nicht nur sein moralischer Gegenspieler, den selbst bei der Blutrache das Gewissen plagt, sondern auch der Prototyp des orientierungslosen, narzisstisch-neureichen Zöglings.
Ethan Hawke schlurft mit Strickmütze und Rucksack noch mal als Slacker der Generation X durch die surrealen, in kaltem Neonlicht und düsterem Blau gehaltenen urbanen Kulissen. Er schottet sich mit einem Walkman ab und betrachtet vor Weltekel seine Umwelt durch eine Digicam. So fällt der wohl berühmteste Satz "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage", als Hamlet sich als lebensmüdes Selbstbildnis mit der Pistole am Kopf auf Video filmt. Und als er über den Tod grübelt, streift er durch die Actionfilm-Abteilung einer Videothek.
Das ist alles furchtbar ambitioniert und kunstvoll und hat doch einen Haken: Wo die ganze vernetzte Kommunikationstechnologie mit Laptops und Faxgeräten eigentlich Sprachlosigkeit ausdrückt, steht diesem Film ausgerechnet Shakespeares Sprachgewalt im Wege. Wenn die Protagonisten im von Almereyda gekürzten Originaltext reden, wirkt es verquast und lächerlich, wie auch die Namen Rosenkranz und Güldenstern von Hamlets heuchlerischen Kumpels, mit denen er bei Carlsberg-Bier in einer Diskothek abhängt.
Aus dem großartigen Ensemble sticht somit besonders Bill Murray hervor, der ja auch Komiker ist und als devot-krampfiger Polonius seiner Tochter Ophelia (Julia Stiles) ausreden will, sich mit Hamlet zu treffen. Baz Luhrman hatte mit "Romeo & Julia" das Kunststück vollbracht, den Originaltext mit theatralischer Geste zur Pop-Variante zu stilisieren. Hamlet hätte besser schweigen sollen.
"Hamlet". USA 2000. Regie: Michael Almereyda; Drehbuch: Michael Almereyda; Darsteller: Ethan Hawke, Kyle MacLachlan, Julia Stiles, Sam Shepard, Bill Murray; Verleih: Arthaus; Länge: 111 Minuten.