Harrison Ford: Jäger des fallenden Sterns - DER SPIEGEL
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Harrison Ford Jäger des fallenden Sterns

Für einen anderen bekannten Schauspieler wurde die Rolle der US-Präsidentschaft zum Höhepunkt seiner Karriere. Harrison Ford könnte es ähnlich ergehen. Seit "Air Force One" tut sich "Indiana Jones" schwer, seine ins Trudeln geratene Laufbahn wieder auf Kurs zu bringen. Seine Rollenwahl ist eine reine Zauderpartie.
Von Rüdiger Sturm
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit er in "Air Force One" als Chef des Weißen Hauses einen Trupp Terroristen vermöbelte, wackelt Harrison Fords Sitz in Hollywoods Pantheon. Seine Ausflüge ins Fach der Abenteuerromanze ("Sechs Tage, Sieben Nächte") und ins Melodram ("Entscheidung des Schicksals") blieben weit hinter den Erwartungen zurück, die an einen mehr 20 Dollar Millionen teuren Star gestellt werden.

Momentan sucht Ford so krampfhaft nach dem richtigen Vehikel, dass er am Ende gar nichts auswählt. In den letzten sechs Monaten hält er eine Filmproduktion nach der anderen in Atem, weil er sich zunächst offiziell für die jeweiligen Projekte interessiert, um dann wieder kalte Füße zu kriegen. Im Januar schien er die Methode der Kollegen Willis und Cruise anwenden zu wollen, die in Independent-Streifen ihre schauspielerische Technik auffrischten und dafür bei der Bezahlung Abstriche machten. Und das, obwohl er in früheren Interviews solche künstlerischen Discount-Jobs abgelehnt hatte.

Kurz darauf wurde er eine Woche lang als Hauptdarsteller von Steven Soderberghs Drogenhandelsepos "Traffic" gehandelt, dann ließ er die Sache bleiben, weil er lieber einen Actionstreifen drehen wollte. Der Part ging dann an Michael Douglas. Ford entschied sich stattdessen für eine neue Runde als Jack Ryan, den bücher- und bombenfesten CIA-Angestellten, der in "Das Kartell" und "Die Stunde der Patrioten" über 200 Millionen Dollar am US-Box-Office eingenommen hatte. Der Oscar-nominierte Autor Paul Attanasio ("Quiz Show") und "Patrioten"-/"Kartell"-Regisseur Philip Noyce, der auch diese Tom Clancy-Verfilmung übernehmen sollte, mussten die ursprüngliche Drehbuchfassung nach dem Gusto ihres Stars überarbeiten, dann wurde der Filmstart für Sommer 2001 ins Auge gefasst. Doch Ford lehnte auch die neuen Script-Änderungen ab, und eine Rückkehr als Jack Ryan war urplötzlich kein Thema mehr.

Dafür wussten Hollywoods Gerüchtemacher auf einmal von seiner Beteiligung an "Gemini Man", einem effektlastigen Science-Fiction-Thriller, der ihm gleich eine Doppelrolle beschert hätte. Disney gab bereits Dollarmillionen aus, um die erforderliche Tricktechnik zu entwickeln, mit der das Aussehen der Hauptfigur verjüngt werden sollte. Schon spekulierten die Fans auf einen knackigen Harrison Ford aus der Han-Solo-Ära. Doch auch diese Hoffnungen platzten bald darauf.

Noch nicht ganz vom Tisch scheint ein vierter Indiana-Jones-Film. In einem Interview mit dem britischen Fernsehsender "Channel 4" erklärte Ford, die Indy-Macher Steven Spielberg und George Lucas stünden wohl erst im Jahre 2005 zur Verfügung, zu einem Zeitpunkt, da er vielleicht nicht mehr für die Rolle geeignet sei. Aber: "Ich hoffe, es klappt schon früher." Wer weiß, am Donnerstag berichtete das amerikanische Branchenblatt "Variety", dass M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") nach Gesprächen mit Spielberg, Ford und Lucas die vierte Indy-Folge schreiben soll. Geplanter Beginn der Dreharbeiten: 2002.

Auch die bislang letzte Rollenentscheidung Harrison Fords erscheint zumindest aus jetziger Sicht zweifelhaft. In "What Lies Beneath", einem übernatürlichen Thriller mit "Vertigo"-Touch (US-Start: 21. Juli), spielt er an der Seite von Michelle Pfeiffer, die mit einer ganzen Serie von Flops ebenfalls eine gründliche Karriere-Demontage betrieben hat. Bei einer Testvorführung in Plano, Texas, sorgte der Film für zahlreiche unfreiwillige Lacher. Regisseur Robert Zemeckis verspricht: "Das eigentlich Tolle an diesem Film sind diese beiden Superstars, die hier etwas ganz anderes als gewohnt bieten."

Ein Star hat jedoch die beste Chance auf Krisenfestigkeit, solange er seinem angestammten Rollentyp treu bleibt. Das Erfolgsgeheimnis von Cary Grant brachte Kritikerkönigin Pauline Kael auf die folgende Formel: "Er versuchte eben nie etwas anderes als Cary-Grant-Rollen." Wenn ein Star die Genres wechselt, kann das nur gut gehen, solange er sich hochqualitatives Drehbuch-Material aussucht. Denn es gibt keinen Namen, der einen Hit garantiert. Höchstens einen: Doch auch Tom Hanks, der seit "Schlaflos in Seattle" (1993) auf eine nahezu ungebrochene Reihe von Hits verweisen kann, verdankt seinen Status nur einer dauerhaft präzisen Rollenwahl.

Zumindest dies scheint Harrison Ford inzwischen verinnerlicht zu haben, sonst würde er wohl nicht solange über seine Entscheidungen grübeln.

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