"High Fidelity": Quasseln nonstop - DER SPIEGEL
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"High Fidelity" Quasseln nonstop

Immer diese Amis: Besorgten sich rechtzeitig die Filmrechte an Nick Hornbys Kultroman "High Fidelity" und verdingten Stephen Frears als Regisseur. Trotz Werktreue liegt nun Nordlondon in Chicago, und die Midlife-Crisis des Vinyl-Junkies Rob Fleming schmeckt nach Dr. Pepper.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Höre ich Popmusik, weil ich traurig bin? Oder ist mein Leben so elend, weil ich Popmusik höre?" Zermürbende Fragen eines Platten-Junkies. Keiner stellt sie sich so schön selbstquälerisch wie Rob Fleming, 35-jähriger Held in Nick Hornbys Kultroman "High Fidelity". Ein Leichtgewicht unter den Männern, so stellt ihn sich die Leserin vor: etwas neurotisch, aber von zäher Trotzigkeit, hager, mit jenem von Hornby gebilligten Peter-Gabriel-Touch. Ein Engländer eben, allerdings ohne die eitle Pausbäckigkeit eines Paul McCartneys. Doch genau an den erinnert John Cusack, der in Stephen Frears Verfilmung den Chaoten mimt - geschwätziger, flacher und penetranter, als es die Roman-Figur je war. Amerikaner haben eben eine andere Vorstellung von der Midlife-Crisis, ganz zu schweigen von Pop-Philosophie.

Überhaupt Musik: Zu irgendwas müssen die letzten 40 Jahre Pop doch gut gewesen sein. Drückten Generationen ihren Stempel auf, lieferten Blaupausen für Lebensentwürfe, Wunschpartner und bonbonfarben schillernde Tagträume. Millionen Songs voll gebrochener Herzen, Zurückweisung, Schmerz, Leid und Verlust - haben sie uns zu besseren, gewiefteren, glücklicheren Menschen gemacht? Mitnichten: Wir sind gewarnt. So hat sich Rob rechtzeitig in das Universum Pop zurückgezogen. Statt eines Uni-Abschlusses besitzt er einen kleinen Shop, das "Championship Vinyl". Aber selbst in einem Plattenladen vertickt die Zeit weder langsamer oder intensiver, noch kommt es gar zu außerirdischen Begegnungen. Für Robs kleine Fluchten ist der Laden jedoch ideal, bleiben doch alle Optionen offen. Nur langsam dämmert ihm, dass er schon längst keine mehr hat. Karriere, Freundin, soziale Kontakte? Phh.

In seiner Plattensammlung kennt er sich besser aus, einem penibel geordneten Mikrokosmos aus Weltanschauung, klingenden Wahrheiten und gefühlsechter Ästhetik. Dafür können die äußeren Begleitumstände noch so lausig sein: Chaos, schlechte Bezahlung und Angestellte wie Barry und Dick, Musik-Maniacs, die konträrer nicht sein könnten. Ihr Alltag besteht aus Ritualen: Diskussionen über mitgebrachte Tapes, permanentes Demonstrieren eines enzyklopädischen Wissens darüber, wer in welcher Band, wann, welchen Titel und überhaupt. Anstrengend, nervend - typisch Mann.

Charts sind die letzte Rettung zur Ordnung der Welt; unaufhörlich bastelt das verschrobene Trio an ultimativen Top Fives zu allen erdenklichen Anlässen und Stimmungen. Welche sind die besten fünf Titel zum Tod, zum Schmerz, zur Liebe. Na? Also, was ist von einem Partner zu erwarten, der seine Tapes mit Simply Red bestückt?! Laura, Robs langjährige Freundin, ist so ein Fall. Nun ist sie ausgezogen, ausgerechnet zu einem Kerl mit Vorliebe für Weltmusik. Das schmerzt. Dieses Verkanntwerden. Aber nicht genug, um in Robs Top Five der unvergesslichsten Trennungen zu landen.

"High Fidelity" ist literarischer Brit-Pop, schnodderig und trotzdem charmant. Hornby trifft den Ton jener Spezies Mann, der mit dem Etikett "Angst vor Nähe" herumschlurft. Widersprüche und Lebenslügen können nicht schrecken, so schickt er seinen Held auf Konfrontationskurs mit den Frauen seiner Vergangenheit. Ein herrliches Buch - ein langweiliger Film. Vielleicht, weil sich Amerikaner die Rechte am Roman sicherten; vielleicht, weil Stephen Frears das "Championship Vinyl" ausgerechnet nach Chicago verlagerte. Das mag zwar nur Puristen stören - auch im Buch blieb die Außenwelt sekundär - und Frears, als einstige Speerspitze des New British Cinema, gilt noch immer als Garant für authentisches Insel-Feeling. Außerdem: Haben nicht längst MTV & Co. die juvenilen Erfahrungen, Images, Gedankengebäude und nicht zuletzt die Charts weltweit auf Gleichklang getrimmt?

Trotzdem: Die großartigen Dialoge verkommen im Film zu einem einzigen Schlagabtausch, und Rob verliert einiges an Charme, wenn er dem Zuschauer Aug in Aug sein Innerstes enthüllt. Die Romanfigur hätte niemals so wortreich ihr Elend, ihre Zweifel ausgepackt. Nicht so direkt und schon gar nicht mit dieser demonstrativen Unbekümmertheit. John Cusack, der auch am Drehbuch mitschrieb, ist ein anderer Rob. Viel zu nett, viel zu glatt. Einer, der über seine Gefühle quasselt, anstelle langwierig zusammengestellte Tapes für sich sprechen zu lassen.

"High Fidelity". USA 2000. Regie: Stephen Frears; Darsteller: John Cusack, Iben Hjejle, Todd Louiso, Jack Black, Lisa Bonet, Catherine Zeta-Jones, Joan Cusack, Tim Robbins; Verleih: Buena Vista; Länge: 114 Minuten; Start: 13. Juli 2000.