Hollywood: Kriegerische Weihnachten - DER SPIEGEL
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Hollywood Kriegerische Weihnachten

Ende der Schonzeit: Drei Monate nach den Terroranschlägen werden die amerikanischen Kinos von Kriegsfilmen überschwemmt, die an der Kinokasse gut abschneiden. Die Amerikaner könnten zwischen Fiktion und Realität unterscheiden, lautet die Argumentation, doch vielleicht ist auch der erfolgreiche Afghanistan-Feldzug für den Stimmungswechsel verantwortlich.
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Vergesst "Harry Potter", vergesst "Herr der Ringe" - wenn es in diesem Winter einen Hollywood-Trend gibt, dann hat er nichts mit Fantasy und Zauberei zu tun, sondern mit Schlachtfeldern und Geheimdienstaktivitäten. Viele Kriegs- und Spionage-Dramen, die über das vergangene Jahr hinweg produziert wurden, erreichen in diesen Wochen die US-Kinos, nachdem sie aus Pietätgründen drei Monate lang verschämt in der Schublade versteckt worden sind.

Tony Scotts "Spy Game", ein im Nahen Osten spielender CIA-Thriller mit Robert Redford und Brad Pitt, eröffnete vor wenigen Wochen erfolgreich den Reigen der "War Movies". Ihm folgte vor zwei Wochen das Kosovo-Kriegsdrama "Behind Enemy Lines" (mit Newcomer Owen Wilson und Gene Hackman). Nachschub bietet Ridley Scotts "Black Hawk Down", der die Ereignisse des amerikanischen Einsatzes in Somalia Anfang der neunziger Jahre unter die Lupe nimmt (US-Start am 28. Dezember). Für Februar und März stehen bereits das Vietnam-Drama "We Were Soldiers" mit Mel Gibson und der im Zweiten Weltkrieg angesiedelte "Hart's War" mit Bruce Willis in den Startlöchern. Die Zeit des geschockten Innehaltens nach den Terroranschlägen vom 11. September scheint tatsächlich nur ein "vorübergehendes Unwetter" gewesen zu sein, wie Kino-Veteran Robert Redford schon vor Wochen vorhergesehen hatte. Der Prophet von Hollywood hat gut reden, immerhin hatte er sich gleich zweimal ins cineastische Schlachtengetümmel gestürzt - außer in "Spy Games" spielte Hollywood-Veteran Redford auch in dem patriotischen Militär-Drama "Die letzte Festung" mit.

Von der befürchteten Kriegspropaganda ist bei den nun anlaufenden Filmen natürlich noch nichts zu spüren. Eher im Gegenteil: Die meisten der verfilmten Stories drehen sich um dubiose Machenschaften der US-Geheimdienste ("Spy Game") oder zweifelhafte Einsätze in Krisengebieten ("Behind Enemy Lines", "We Were Soldiers") und schildern die Kriegsrealität in explizit blutiger Weise, verschonen die Zuschauer auch nicht vor grausamen Filmtoden amerikanischer Soldaten. "Wir sind nicht dazu da, ein Rekrutierungsposter zu malen", beschreibt Randall Wallace, Regisseur und Autor von "We Were Soldiers" das Credo der neuen Kriegsfilmer. "Ich finde es gut, dass die Amerikaner derzeit daran erinnert werden, dass Freiheit ihren Preis hat."

Der "Braveheart"-Drehbuchautor findet es keinesfalls skrupellos, so kurz nach den traumatischen Erlebnissen des 11. Septembers eine harte Gangart im Kino zu fahren. "Direkt nach den Anschlägen waren viele Leute verängstigt, doch das ist vorbei", sagt er in der US-Zeitschrift "Entertainment Weekly". "Ich glaube nicht, dass wir eine lange Trauerphase im Kino erleben werden. Amerikaner bleiben Amerikaner." Zustimmung erhält Wallace von dem Fox-Vorstand Tom Rothman, der den Kosovo-Thriller "Behind Enemy Lines" in die Weihnachtszeit hinein veröffentlichte: "Der erste große Film, den wir kurz nach den Anschlägen in die Kinos brachten, war ein altersbeschränkter Serienkiller-Krimi, der noch dazu in New York spielt ("Don't Say A Word"). Er eroberte sofort die Spitze der Kinocharts; die Leute können durchaus zwischen Unterhaltung und Fakten unterscheiden."

Einen anderen Aspekt der Kriegsakzeptanz im Kino offenbart der "Spy Games"-Produzent Marc Abraham: "Vor zwei Monaten brachte al-Dschasira ein Video mit den Drohungen von Osama Bin Laden, und wir sind alle ausgerastet, wollten unsere Kinder aus der Schule nehmen und in den Luftschutzbunker stecken", sagt er. "Aber jetzt versteckt sich der Bursche vermutlich irgendwo in einer Höhle, und in Kabul rasieren sich die Leute ihre Bärte ab. Der Schrecken ist gemildert, und die Leute in Amerika werden wieder mutiger, selbstbewusster." "Spy Games" wurde laut Abraham bereits Ende September einem Test-Screening unterzogen, um herauszufinden, ob die Leute es unangebracht fänden, einen Spionage-Thriller über den Nahostkonflikt in diesen Zeiten ins Kino zu bringen. "80 Prozent der Leute sprachen sich für einen zeitnahen Start aus", sagt der Produzent des Erfolgsfilms.