Horrorfilm "Wolfman" Heul doch, Junge!
Horrorfilm "Wolfman": Heul doch, Junge!
Foto: Universal Pictures
"Wolfman": Haarig, aber gelungen
Die Zivilisation ist zum Heulen. Mit keiner Figur lässt sich diese Einsicht besser bebildern als mit dem Werwolf. Wenn der Vampir meistens als depravierter Dandy daherkommt, ist der Wolfsmensch das enthemmte Subjekt, das die Fesseln des Triebverzichts wenigstens nächteweise abstreift.
Nach dem ganzen Rummel um "Twilight", dem Märchen über edle Blutsauger, die das Hämoglobin-Zölibat zur Gefühlssteigerung nutzen, war es höchste Zeit für eine scharfe, blutrünstige Auseinandersetzung mit dem Monströsen in uns. Denn das repräsentieren sie ja, die Vampire, Wölfe, Gestaltwandler: das Andere und Fremde, das wir verdrängen, aber nie ganz loswerden.
Regisseur Joe Johnston hat den Horrorfilmklassiker von 1941 als Vorlage für eine opulent ausgestattete Schauermär genommen. Wie im Original gibt es auch hier düstere Castles, dramatische Wolkenhimmel, nebeldampfende Wälder.
Wir befinden uns im England des Jahres 1891. Die Moderne ist in vollem Gange, bald wird der technische Fortschritt umschlagen in die Härten der Industrialisierung, ins Grauen des Weltkriegs. Auf dem Landgut der Talbots scheint hingegen die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Vater (Anthony Hopkins) bewacht seinen verrottenden Besitz, sein Sohn Lawrence, gespielt von Benicio del Toro, kommt nach Hause, nachdem sein Bruder im Wald ermordet wurde.
Verwilderungsgeschichte als Familiendrama
War es ein irrer Killer? Oder eine mythische Bestie? Kein Tier sei zu solcher Brutalität fähig, sagt der Vater. Wie recht er hat: Ein Werwolf streift durch die Wälder, Lawrence wird gebissen, der Fluch der Tierwerdung hat sich auf die nächste Generation übertragen.
Tatsächlich ist diese Verwilderungsgeschichte ein Familiendrama. Im Zentrum stehen ein Patriarch, dessen Wille zur Macht auch vor Mord nicht halt macht. Und eben sein Sohn, ein Schauspieler, der auf Londons Bühnen sinnigerweise Hamlet gibt. Ein Grübler und Zweifler, eine von der Grundhaltung der Moderne, der Ambivalenz gezeichnete Figur.
Und dieser zartfühlende Kulturträger wird qua Wolfsfluch zum mondsüchtigen Jäger - das ist moralisch schon eine arge Zumutung. Zudem hat das ganze Verwandlungselend analytische Effekte: Die dunkle, von Gewalt und Verdrängung bestimmte Beziehung zum Vater spitzt sich zum Psychodrama zu.
"Die Vergangenheit ist eine Wüste des Grauens", sagt der Alte zum Sohn. "Blicke niemals zurück." Das ist therapeutisch gesehen natürlich eine Katastrophe, machtpsychologisch aber einwandfrei. Dieser Mann weiß, dass Reflexion zur Lähmung führen kann.
Traumata, die zur Barbarei führen
"Zu allem Handeln gehört Vergessen", sagt Nietzsche. Wer sich zum Übermenschen aufschwingt - und als solchen kann man den Werwolf in seiner rücksichtslosen, nur auf den Moment bezogenen Energie verstehen -, der muss die freudsche Idee des Wiederholens und Durcharbeitens meiden wie der Teufel das Weihwasser. Darum sind die Vampire ja oft so gelangweilt und dekadent: Weil sie beladen sind mit Erinnerungswust, der das freie, unbeschwerte Handeln hemmt.
Es muss selbstverständlich eine Lösung für dieses Dilemma geben. Man kann ja am Ende nicht die Bestie munter von der Leine lassen und das Subjekt seiner Entgrenzung überlassen. Die ordnende und erlösende Kraft, kommt hier - wie so oft in der Fabel - der Frau (arg unterfordert: Emily Blunt) zu. Aber auch da gestattet sich diese überzeugende Genrearbeit am Ende eine kleine Volte.
Nur so viel: Die Traumata, die zur Barbarei führen, lassen sich auf Familienebene vielleicht in den Griff kriegen, als gesellschaftlicher Gewaltzusammenhang pflanzen sie sich jedoch unerbittlich fort. In unserem verwalteten Leben, jenseits prächtig verfallender Landsitze, heulen viele mit den Wölfen. Wehe, wenn sie anfangen, um sich zu beißen.