Horrorschocker "Motel" Zimmer mit Graus-Sicht
Bloß keinen Hotellerie-Horror mehr, denkt sicher mancher angesichts der laufenden Kampagne für "Motel". Kein Wunder, nach den zermürbenden Kinoausflügen ins "Hostel" und seine Folterkeller löst die Aussicht auf ein weiteres Gasthausgemetzel nicht gerade Vorfreude aus. Aber wie bei der Wahl der eigenen Urlaubspension, so täuscht auch hier der erste Eindruck.
Denn Nimrod Antals kurzweiliger Schocker hat außer einer reißerischen Prämisse wenig mit den grafisch expliziten Schlachtgemälden der jüngsten Horrorwelle gemein. Vielmehr geht es hier in weniger als neunzig Minuten auf eine nostalgische Reise in die Genrevergangenheit: Von der grellen Camp-Exploitation "Friday the 13th" (1980) über die morbiden Schattenspiele aus "Halloween" (1978) bis hin zu "Psycho" (1960), der debilen Mutter aller Slasher- und Hotelhorrorfilme, werden dabei etliche Sehenswürdigkeiten des amerikanischen Leinwandgrauens besucht.
So ist schon der animierte Vorspann eine Verbeugung vor den dynamischen Titelsequenzen, die einst Saul Bass als Ouvertüren für Hitchcocks Thriller entwarf. Dann wird das Bild nachtschwarz, punktiert nur durch die Scheinwerfer eines Wagens. Darin fahren David Fox (Luke Wilson) und seine Frau Amy (Kate Beckinsale) durch eine verwaiste Landschaft. Das offensichtlich angespannte Paar, so lassen die wenigen Dialoge zwischen beiden wissen, trauert um den verstorbenen Sohn und steht kurz vor der Scheidung.
Hitchcocks Hotelerben
Nachdem sie sich durch eine vermeintliche Abkürzung immer weiter im Niemandsland verfransen, beginnt der Motor zu streiken. Im undurchdringlichen Nichts sind die einzigen und wortwörtlichen Lichtblicke eine marode Tankstelle und ein angrenzendes Motel, das offensichtlich seit den sechziger Jahren keinen Neuanstrich mehr bekommen hat. Tatsächlich ist noch ein freundlicher Mechaniker (Ethan Embry) zugegen, doch kurz nach der Notreparatur bleibt der BMW endgültig liegen. Die Werkstatt ist nunmehr verwaist, es bleibt dem Ehepaar also nur der Weg in das abgewirtschaftete Etablissement mit seinem neonglühenden "Zimmer Frei"-Schild.
"Vacancy" lautet denn auch der etwas subtilere Originaltitel des Films, der innerhalb dieser knappen Exposition schon reichlich dräuende Atmosphäre aufgestaut hat. David und Kate wollen auch lieber gleich auf dem Absatz umkehren, als ihnen an der unbesetzten Rezeption qualvolle Schreie entgegenschallen. Doch die kommen nur aus dem Fernseher, wie der nun aus dem Hinterzimmer auftauchende Manager Mason (Frank Whaley) erklärt. Obgleich sein linkisches Verhalten ihn als direkten Abkömmling von Norman Bates ausweist - siehe allein seine Auswahl ausgestopfter Vögel -, nimmt das Paar Masons Angebot an und bezieht im ansonsten unbewohnten Motel die Flitterwochensuite.
Im trostlosen Zimmer gibt es für die entnervten Eheleute außer Kakerlaken nur ein paar Videos zur Unterhaltung, doch deren Inhalt ist keineswegs zur Zerstreuung geeignet: Auf den Bändern finden sich ausschließlich abgefilmte Mordszenen. Auf Abscheu folgt Entsetzen, als David und Kate in den Aufnahmen das eigene Hotelzimmer wieder erkennen. Aber kaum haben sie die versteckten Kameras im Raum entdeckt, hämmert es mit aller Wucht gegen Wände und Tür, das Licht beginnt zu flackern und maskierte Gestalten huschen an den Fenstern vorbei.
Ein mordsmäßiger Zimmerservice
Von diesem furiosen Gruselcrescendo an rast Antals Film atemlos und geradlinig von einem haarsträubenden Entscheidungsmoment zum nächsten, was nicht nur den Herzschlag des Publikums beschleunigt, sondern auch die logischen Löcher in der Kolportage vergessen lässt. Als gejagtes Jedermann-Paar geben Luke Wilson und Kate Beckinsale jedenfalls eine blendende Vorstellung, vielleicht just, weil beide Darsteller in ihrer Karriere immer etwas bieder und blässlich daherkommen.
Und auf der nervenaufreibenden Flucht vor den Kamera-Killern gewinnen David und Kate zusehends an Profil, zumal - auch das eine wohltuende Abkehr von der neueren Horrorschule - ihre Gegner zwar gewissenlos, aber nicht übermächtig sind. Kurz: Das Böse darf hier auch mal dämlich sein.
Im Fall von David und Kate reichen sich derweil Panik und Pragmatismus die schweißnassen Händchen, und gemeinsam springt das Paar dem Tod gleich ein Dutzend Mal von der Klinge. Neben zahlreichen gelungenen Schreckmomenten leistet sich "Motel" entgegen der Genreregel vom tumben Gesetzeshüter sogar einen aufmerksamen Polizisten. Ob dieser jedoch überlebt, ist ebenso fraglich wie das Schicksal der tapferen Touristenfallenopfer.
Man kann dabei gar nicht dankbar genug sein, dass die nur kurz im grobkörnigen Ausschnitt zu sehenden Snuff-Filme lediglich Aufhänger für eine klassische Katz-und-Maus-Situation sind, und nicht etwa Anlass für eine halbseidene Medienkritik. Als überaus smarter B-Film, der seine liebevoll gestaltete Studiokulisse selbstbewusst als solche ausstellt, braucht "Motel" keine skandalheischende Grenzüberschreitung: Regisseur Antal und Kameramann Andrzej Sakula, der schon Tarantinos "Pulp Fiction" mit wärmender Retro-Patina ausleuchtete, schaffen stattdessen einen klar als Fiktion definierten Kinoraum, in dem sich der Zuschauer trotz Gänsehaut gut aufgehoben fühlt.
Und wenn die Sonne auf der Leinwand auf- und das Licht im Saal angeht, kann jeder wieder ohne Angst auschecken.