"I Am Sam" Von Minderheiten und anderen Niedlichkeiten
Ein kleines blondes Mädchen zum Liebhaben, einen geistig Zurückgebliebenen zum Mitfühlen und eine Gerichtstory zum Mitfiebern - wenn das nicht das reißfesteste Taschentuch zum Bersten bringt. In dem Gefühlsdrama "I Am Sam" mit Sean Penn und Michelle Pfeiffer werden Niedlichkeiten mit Minderheiten vermengt, um die größtmögliche emotionale Wirkung zu erzielen. Das Ergebnis: Melasse.
Was nicht per se an der Thematik liegt. Der geistig behinderte Sam (Sean Penn) steht im Entbindungssaal. Er ist Vater geworden. Die frisch gebackene Familie bleibt ganze zwei Minuten zahlenmäßig intakt, dann ist die Mutter weg. Nun sieht sich Sam mit der Erziehung seiner frisch geborenen Tochter konfrontiert, die getreu Sams Beatles-Fimmel Lucy Diamond getauft wird und ein wahrer Wonneproppen ist. So weit, so harmonisch.
Glückliche sieben Jahre später hat Lucy (beflissen und begabt: Dakota Fanning) ihren Vater geistig überflügelt. Ihre schulischen Leistungen lassen nach - da sie sich bremst, um nicht klüger als ihr Vater zu werden. Es kommt, wie es kommen muss: Sam soll das Sorgerecht entzogen werden. Nun sucht er Hilfe bei der frostig-strengen Star-Anwältin Rita Harrison (Michelle Pfeiffer). Um ihren Kollegen zu beweisen, dass auch sie ab und zu "pro bono" arbeitet, nimmt sie sich des ihr unliebsamen Falles an. Welten prallen aufeinander, Schauspieler geben ihr Letztes.
Kein Wunder, denn die Darstellung eines Behinderten wurde schon immer als schauspielerische Kür betrachtet. Robert De Niro ("Zeit des Erwachens") versuchte sich daran, ebenso wie Billy Bob Thornton ("Sling Blade") oder Russell Crowe ("A Beautiful Mind"). Entsprechend mutet die Figur des Sam vertraut an: Die Hose sitzt auf Hochwasser, die Jacke mit Reißverschluss ist beige, das Gesicht angestrengt. "Rain Man" lässt grüßen.
Der jedoch, einst kongenial verkörpert von Dustin Hoffman, hatte zumindest kein altkluges Gör an seiner Seite, keine herzzerreißend bemühten Kumpanen, eine ebensolche Nachbarin (Dianne Wiest), die dazu noch an Agoraphobie leidet, und keine Staatsanwältin, die angesichts des Menschen mit dem simplen Gemüt erkennt, dass nur die Liebe zählt.
Wie reizend ist es doch, wenn Sams Freunde Geld sammeln, wenn Lucy neue Schuhe braucht; wie rührend, als die Nachbarin sich trotz ihrer Öffentlichkeitsangst in den Gerichtssaal traut, um für Sam zu sprechen; und wie gefühlsreißerisch ist es, als Rita dort eine Psychologin weich klopft, bis sie gesteht, dass auch sie als intelligente Mutter Fehler gemacht hätte. Damit ist das Tränenfass endgültig voll.
Durch so viel Schmonz gerät die filmische Darstellung eines geistig Behinderten zur Hollywood-Farce. Ist eine solche Figur für das Massenpublikum nur dann verträglich, wenn sie mit Kindern, Komik und Kitsch verbrämt wird? Die heikle Fragestellung, wie man mit dem Kinderwunsch von Behinderten umgeht, wird im Film geflissentlich ausgespart: Sam kommt zum Kinde wie die Jungfrau zum Gottessohn. Auch das ebenso relevante Thema, ob ein Behinderter fähig ist, seinen Nachwuchs zu erziehen, lässt sich mit Sicherheit nicht ausschließlich mit "All you need is love" beantworten.
Ärgerlich ist zudem, dass man sich ob der Verzuckerung des Films nicht mehr so recht über die gekonnte Kameraführung freuen kann, wittert man doch hinter jedem mit Beatles-Melodien verkleisterten Bild eine Manipulation in Richtung Gefühlsdusel. Schade ist auch die verschenkte schauspielerische Leistung. Dies gilt insbesondere für die weibliche Besetzung: Dianne Wiest erfreut anfänglich als schrullige Pianistin, die Sam an Hand des Fernsehprogramms erklärt, wann er sein Baby zu füttern hat, und Michelle Pfeiffer macht auch als Antipathieträgerin eine gute Figur. Ihre Bosheit wird allerdings allzu schnell im Sirup ertränkt.
Den letzten klebrigen Nackenschlag verpasst einem dann auch noch Laura Dern als Lucys Pflegemutter: Mit chronisch verzweifeltem Gesichtsausdruck, Liebe und Lieblingsspeise versucht sie, die Gunst der Kleinen zu gewinnen. Doch tränenden Auges und irgendwie auch betroffen, muss letztlich auch sie erkennen, dass Sam der bessere Vater ist. Als dieser ihr zum Trost erklärt, sie sei die rote Farbe in den Bildern, die Lucy unter ihrer Obhut malte, hat der Zuschauer schon lange rot gesehen.
"I Am Sam". USA 2001. Regie: Jessie Nelson; Drehbuch: Kristine Johnson, Jessie Nelson; Darsteller: Sean Penn, Michelle Pfeiffer, Dakota Fanning, Dianne Wiest, Loretta Devine, Laura Dern; Produktion: New Line Cinema, Avery Pix, Bedford Falls Productions, Red Fish Blue Fish Films; Verleih: Warner Bros.; Länge: 132 Minuten; Start: 9. Mai 2002.