Identität: "Kalmans Geheimnis" - DER SPIEGEL
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Identität "Kalmans Geheimnis"

Isabella Rosselini und Maximilian Schell glänzen als strenggläubige Chassidim in einem Regiedebut, das sich an das schwierige Thema jüdischer Identität wagt.
Von Peter Zemla
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einen Film zu drehen über Juden, ihre Kultur und ihre Geschichte, gehört noch immer zu den heißen Eisen. Schnell verbrennt man sich die Finger - an Betroffenheitskitsch oder Politischer Korrektheit. Der holländische Schauspieler Jeroen Krabbé hat mit seinem Regiedebüt „Kalmans Geheimnis" jedoch das Kunststück fertiggebracht, solche Fallen zu umgehen.

Dank seines Gespürs für die Geschichte und seines Einfühlungsvermögens in die Darsteller ist ihm ein ebenso behutsamer wie schöner Film gelungen. Ein Film, dessen Horizont sich gegen Ende auf wunderbare Weise weitet: Dann wird Identität an sich das Thema, sei sie jüdisch oder nicht-jüdisch. Man muss seine Wurzeln finden, sagt der Film, sie als Teil seines Selbst annehmen und mit ihnen leben. In welcher Kultur diese Wurzeln liegen, ist nicht wirklich das Entscheidende.

Den Weg zu dieser Erkenntnis legt der Zuschauer zusammen mit Chaja (Laura Fraser) zurück, die in den frühen Siebzigern in Antwerpen Philosophie studiert. Ihre jüdische Abstammung hat ihr bislang nichts bedeutet. Ihr Vater (Maximilian Schell), Überlebender des Holocaust, erzählt immer wieder von früher. Besonders der Gedanke an zwei Koffer, die er auf der Flucht vor den Nazis vergraben hat lässt ihn nicht ruhen. Doch für Chaja waren solche Reden bislang nicht mehr als ein Spleen ihres alten Herrn. Zumal ihre Mutter (Marianne Sägebrecht) die Vergangenheit zum Tabu erklärt hat und sie mit Kuchen und Suppe bekämpft.

All das ändert sich für Chaja, als sie bei der strenggläubigen chassidischen Familie Kalman einen Job als Haushaltshilfe und Kindermädchen annimmt. Dass es noch immer eine mit strikten Riten ausschließlich auf Gott ausgerichtete Welt gibt, hat sie nicht für möglich gehalten. Es dauert eine Weile, bis Chaja das patriarchische Regiment, das Herr Kalman (Jeroen Krabbé) über seine Frau (Isabella Rossellini) und seine drei Söhne ausübt, zu akzeptieren beginnt. Zugang findet sie über den Jüngsten, den fünfjährigen Simcha, der sich weigert zu sprechen. Durch Chajas unverstellten Charakter fasst er Mut zur eigenen Stimme. Und verleiht damit Chaja Ansehen bei Herrn Kalman, der mit der gottlosen Frau zuvor nichts zu tun haben wollte.

„Kalmans Geheimnis“ ist auf anheimelnde Art altmodisches Schauspielerkino. Krabbé, Schell, Sägebrecht und Rossellini schaffen Porträts, die den Zuschauer nachhaltig beeindrucken. Schnell vergessen sollte man hingegen den deutschen Verleihtitel. Warum man den Originaltitel "Left Luggage" von Carl Friedmans Romanvorlage derart stilisiert hat, wo es um Herrn Kalman überhaupt kein Geheimnis gibt, ist ein Rätsel.

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