"Im Schwitzkasten": Einerlei mit Nackedei - DER SPIEGEL
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"Im Schwitzkasten" Einerlei mit Nackedei

Heizen die sozialen Verhältnisse dem Bürger ein, erwärmt sich der Filmemacher für kritische Geschichten. Regisseur Eoin Moore packte ein exzellentes Ensemble in die Sauna - seine klischeestrotzende Komödie "Im Schwitzkasten" lässt einen aber trotzdem kalt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zweifellos eine hübsche Grundidee. Ausgerechnet eine Sauna zum Schauplatz von Begegnungen strauchelnder Existenzen im kalten Hartz-IV-Deutschland zu machen, das hat schon was - als Metapher zur gesellschaftlichen Lage genauso wie als Filmsetting. Nackt und schwitzend, könnte man meinen, sind schließlich alle Menschen gleich.


"Im Schwitzkasten", der vierte Kino-Langfilm des in Dublin geborenen Arthouse-Hoffnungsträgers Eoin Moore ("plus-minus null", "Pigs Will Fly"), unternimmt genau dies mit einem so talentierten wie sympathischen Ensemble. Zu dem gehören unter anderen Esther Zimmering ("Kleine Schwester"), die Lebensgefährtin des Regisseurs, sowie Laura Tonke ("Farland"), Christiane Paul ("Das Leben ist eine Baustelle"), Andreas Schmidt ("Sommer vorm Balkon") und Edgar Selge ("Polizeiruf 110"). Alle Darsteller haben aus Begeisterung für den Stoff an der Ausgestaltung ihrer Rollen mitgewirkt und ihr Herzensprojekt dann in nur 20 Tagen abgedreht - wobei der bescheidene Digitalkamera-Dogma-Stil durchaus zur geschilderten Realität passt. Eine rundum liebenswerte Independent-Perle also?

Erwärmung für Klischees

Leider nicht ganz. In Sachen Milieustimmigkeit und Spannung erreichen Moore und seine Co-Drehbuchautoren Jens Köster und Sven Poser bei weitem nicht die Qualität von Andreas Dresens tragikomischem "Sommer vorm Balkon" - wiewohl die titelgebende marode Sauna der Geschwister Jost (Charly Hübner) und Nadine Molinski (Christiane Paul) ebenfalls im Berlin dieser Tage steht. Wenn die brave Nadine ihrem gemütlichen großen Bruder beim Mixen vermeintlich edler Reformhaussäfte aus Supermarkt-Produkten zuschaut und trotz Ratten im Garten und kaputter technischer Anlagen doch nicht mitbekommt, dass der von den Eltern geerbte Betrieb längst hochverschuldet in den Abgrund treibt, dann ist das so glaubwürdig wie Josts Vision von einem zusätzlichen gigantischen Wellness-Paradies auf dem Land.

Was allerdings einen der Saunagäste, den Germanistik-Professor, Goethe-Fan und Redenschreiber Norbert Reich (Selge), nicht davon abhält, das Outdoor-Projekt zum Ärger seiner Politiker-Gattin (Franziska Walser) großzügig finanziell zu fördern. Zu holzschnittartig, immer hart an der Grenze zur Selbstparodie wirken dies Figuren, das gilt auch für das abgedrehte Dritte-Welt-Girl Monika (Tonke), die frisch gekündigte Stewardess Dani (Zimmering), der seit langem arbeitslose Geigenbauer und verzweifelte Vater Toni (Schmidt) sowie dessen Ex-Frau, die resolute Versicherungs-Vertreterin Karin (Steffi Kühnert).

Vor allem aber bleibt schleierhaft, was diese doch arg klischeehaften Charaktere jenseits aller geschilderten existenziellen Nöte immer wieder zur ausführlich-entspannten gemeinsamen Nutzung der Schwitzstätte treibt. Nur das günstige Donnerstags-Abo kann es wohl nicht sein. Zwar sollen die von Jost stets weihevoll zelebrierten Gebirgslatschenkiefer-Aufgüsse mit anschließendem Handtuchwirbel und Applaus der Saunagäste wohl als gemeinschaftsstiftend gelten. Und im entspannten Umgang mit der Nacktheit auf engem Raum zeigt sich tatsächlich, dass zumindest das Schauspieler-Ensemble einander sehr vertraut war. Doch letztlich fehlt es an einer überzeugenden Verbindung zwischen den Figuren, an einer Verknüpfung der Sauna- und Außenwelt-Episoden. Wenn Toni und Dani einmal, ohne vorher viele Worte zu wechseln, Sex haben, ist das eine symptomatische Szene: Das Verhältnis der Protagonisten bleibt im schlechten Sinne rätselhaft.

Oft ein Witz, selten lustig

Was bleibt, sind mal mehr und mal weniger gelungene Miniaturen. Schön etwa das Bild der komplett schlammüberzogenen Laura Tonke, die sich als insgesamt nicht so helle Politaktivistin auf einmal Grundsätzliches fragt: "Was soll ich eigentlich in Afrika?". Eindrücklich und bewegend die Szene, in der Andreas Schmidts Toni seinem Sohn ein Fahrrad klauen will und dabei erwischt wird. Demgegenüber steht allerdings auch viel Klamauk: So veredelt Jost Havelschlamm mit Eiern zu "Guyana-Fango" und verletzt sich beim Training mit einem neu erworbenen Super-Stretchgerät.

Politisch will der Film durch Präsentation so ziemlich aller denkbaren Facetten ausgewogen wirken, hinterlässt aber nur einen indifferenten Eindruck. Während Selges zunächst neoliberal daherredender Schreiberling durch seine Gespräche mit dem Dauerarbeitslosen Toni zunehmend seine soziale Ader entdeckt, lässt sich Tonkes Monika vom Sozialamt einen Fernseher bezahlen, den sie bei eBay versteigern will, um vom Erlös ihre Wohnung zu renovieren. Dani dagegen zerreißt das Info-Material vom Arbeitsamt: "Bevor ich das ausgefüllt hab, hab ich doch 'nen neuen Job, ich muss das ja nicht machen, ich kann doch machen, was ich will."

Toni jedenfalls strampelt am Ende glücklich mit dem stolzen Sohn in einer Art Fahrrad-Rikscha durch die Hauptstadt, und sogar Slapstick mit einer Leiche gibt's noch zu bestaunen. Da werden die seltsamen Saunagäste noch zu partners in crime - der Film allerdings, ohnehin unentschlossen zwischen Sozialstudie und Märchen pendelnd, verschenkt einmal mehr erzählerische Glaubwürdigkeit an den komischen Effekt.