"In Her Shoes": Aschenputtel hat ausgespielt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"In Her Shoes" Aschenputtel hat ausgespielt

Wenn Toni Colette und Cameron Diaz zwei zankende Schwestern spielen, kann der Film nicht von schlechten Eltern sein. Tatsächlich ist Curtis Hansons "In Her Shoes" eine wunderbare Ehrenrettung des sogenannten Frauenfilms - und auch für Männer ein Kino-Muss!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zweifellos ist das Label "Frauenfilm" eine der widersinnigsten Etikettierungen im Genrekino und dass schon allein wegen der Frage, was im Gegenzug bitteschön ein "Männerfilm" sein soll. Nicht von ungefähr greifen zumeist männliche Kinobesucher auf das fragwürdige Schlagwort zurück, etwa um ihrer weiblichen Begleitung einzureden, dass ein Film wie "In den Schuhen meiner Schwester" von Curtis Hanson doch ein astreines "chick flick" sei und daher nicht geeignet für einen gemeinsamen Abend vor der Leinwand.

Dank so viel Ignoranz endet das Paar dann höchstwahrscheinlich in einer Vorstellung von "Doom" oder sonstigen digitalen Massakern. Höchste Zeit also, hinter die bonbonfarbene Werbekampagne zur prominent besetzten Verfilmung von Jennifer Weiners Roman "In Her Shoes" zu blicken. Denn was auf Hochglanzplakaten mit halsbrecherisch hohen Stöckelschuhen annonciert wird, entpuppt sich als wunderbar geerdete und stilsichere Unterhaltung für Erwachsene beider Geschlechter.

Fotostrecke

"In Her Shoes": Herzlich, schmerzlich, ehrlich

Foto: 20th Century Fox

Wobei Unterhaltung keineswegs sorgenfreien Spaß bedeutet, dafür finden sich allzu dunkle Kapitel in der gemeinsamen Vergangenheit der Schwestern Maggie (Cameron Diaz) und Rose Feller (Toni Colette) aus Philadelphia. Insbesondere der frühe Verlust der geliebten Mutter sowie die traumatischen Umstände ihres Todes belasten die Beziehung zwischen den ungleichen Frauen, die jede für sich nach Wegen aus der psychologischen Befindlichkeitsfalle suchen und dabei doch immer wieder aufeinander prallen.

Eine harte Schwesternschule

So muss die erfolgreiche Anwältin Rose zu Beginn des Films zum wiederholten Mal eine im Partyrausch abgestürzte Maggie bei sich aufnehmen, die aufgrund ihres unsteten Lebenswandels von der Stiefmutter aus dem Elternhaus expediert wurde. Maggie wiederum bedankt sich für die Gastfreundschaft der schüchternen und von Körperkomplexen geplagten Schwester, indem sie sofort mit deren Freund schläft. Der darauf folgende Streit bringt all die hässlichen Details eines jahrelangen symbiotischen Abhängigkeitsverhältnisses ans Licht und mündet in dem Rauswurf Maggies, die sich ohne Schulabschluss, Barschaft und Fürsprecher auf die ungewisse Reise nach Florida macht.

Dort lebt Ella Hirsch (Shirley MacLaine), die vom Vater lange buchstäblich totgeschwiegene Großmutter der Feller-Schwestern. Und die hellsichtige Rentnerin aus der Seniorensiedlung ist es, die diese jüdisch-amerikanische Familiengeschichte aus einer vertraut scheinenden Versuchanordnung - hier das hedonistische Flittchen, dort das verhuschte Mauerblümchen - in eine unkonventionelle education humaine überführt.

Während Maggie unter Ellas unsentimentaler Anleitung allmählich ihre Püppchenattitüde ablegt und erstmals Eigenverantwortung übernimmt, schert Rose im Alleingang aus ihrem zwanghaft strengen Lebens- und Karriereplan aus: Als ehrgeizfreie Hundesitterin findet sie zu einem neuen Selbstbewusstsein und nimmt endlich das zaghafte Werben ihres ehemaligen Kollegen Simon (Mark Feuerstein) zur Kenntnis.

Herzensbildung mit Ecken und Kanten

Behutsam und ohne den unstreitbaren Witz einzelner Situationen zu forcieren lässt der Film Rose und Maggie getrennt voneinander zu jener Unabhängigkeit gelangen, die erst ein wirkliches Zusammenleben ermöglicht. Dass er als Regisseur ein Starensemble zu uneitlem und präzisem Spiel animieren kann, hat Curtis Hanson längst mit seinem Neo-Film noir "L. A. Confidental", der abgeklärten Literatenposse "Wonder Boys" und dem effektvollen HipHop-Bildungsroman "8Mile" bewiesen.

Dennoch beeindruckt das Gespür, mit dem seine drei Hauptdarstellerinnen ihre Rollen aus den Klauen der gängigen Klischees befreien und dadurch immer wieder die Erwartungshaltung eines Publikums unterlaufen, das sowohl in der Tradition tränenreicher Melodramen wie "Magnolien aus Stahl" als auch im kommerziell kalkulierten, postfeministischen Tabubruch von "Sex and the City" geschult ist.

So verleiht eine mutig agierende Cameron Diaz ihrer Maggie anfänglich eine derart hässliche Rücksichtslosigkeit, dass die physische Attraktivität der Schauspielerin zeitweilig jeglichen Reiz verliert. Toni Colette hingegen stemmt sich erfolgreich gegen das Aschenputtel-Szenario, welches in jeder durchschnittlichen romantischen Komödie drohen würde: Die leicht übergewichtige Schuhsammlerin Rose muss keine flott montierte Makeover-Sequenz über sich ergehen lassen, sondern bewahrt vielmehr ihre von Beginn an spürbare Sinnlichkeit.

Dann wäre da noch Shirley MacLaine, die in der Figur Ella Hirsch meisterhaft die trotzige Sensibilität ihrer Fahrstuhlführerin Fran Kubelik aus Billy Wilders "Appartement" mit der raumgreifenden Autorität ihrer Matriachin Aurora Greenway aus "Zeit der Zärtlichkeit" vereint.

Wie dieses brillant aufspielende Trio, so behält auch Hansons gleichsam eleganter Exkurs in Sachen Herzensbildung bis zum Schluss seine Ecken und Kanten. Und diese Konsequenz erklärt letztlich vielleicht doch die fast schon an Kastrationsangst gemahnende Furcht mancher Männer vor vermeintlich kitschigen Frauenfilmen. Denn für nicht wenige Herren wären die Schuhe dieser Damen schlichtweg eine Nummer zu groß.