"Insomnia" Gleißendes Zwielicht
Vielleicht hätte er nicht mit Al Pacino drehen sollen. Pacino ist das, was meistens als Legende bezeichnet wird. Er ist der größte Schauspieler neben Marlon Brando und Robert De Niro - die drei Paten, ein Triumvirat aus dem alten und dem "New" Hollywood. Pacino beherrscht jeden Film. Früher durch die Intensität des ständig zitierten "method acting", heute mit der Lässigkeit eines Mannes, der nichts mehr beweisen muss und dem also niemand mehr etwas erzählen kann. Er ist unantastbar.
So erwartet man aber von Filmen, in denen Pacino oder Brando und De Niro jetzt mitwirken, dass sie deren Größe gerecht werden. An diesem psychologischen Anspruch, einer Mischung aus Ehrfurcht und reflexartigem Vergleich mit ihren Klassikern, können neue Filme bereits scheitern. Aber welcher Regisseur würde nicht mit Pacino arbeiten?
Der Thriller "Insomnia", in dem Pacino den ebenfalls zur Legende gewordenen Cop Dormer aus Los Angeles spielt, unterliegt jedoch noch einer zweiten hohen Erwartungshaltung. Er ist die erste Hollywood-Produktion des jungen Briten Christopher Nolan, für die er sich mit dem narrativen Experiment "Memento" empfohlen hatte. Darin erzählt er mit verstörender Brillanz rückwärts vom Schicksal eines Mannes, der alle paar Minuten seine Erinnerung verliert und damit auch die Fakten für die Suche nach dem Mörder seiner Frau. Das Ende entpuppt sich dann als perfider Anfang für eine unendliche Geschichte.
Mit einer ähnlichen Eigenwilligkeit konnte man bei "Insomnia" indes kaum rechnen, auch wenn Steven Soderbergh als Executive Producer beteiligt war. "Memento" hat kein Geld eingespielt, sondern Nolan viel Respekt bei Kritikern und Kollegen eingebracht. Es könnte der Auftakt zu einer großen Karriere sein.
"Insomnia" verläuft chronologisch und dramaturgisch so gradlinig wie die Landschaft von Alaska, wo die Handlung angesiedelt ist. Über weite Eisflächen und karge Berge fliegen Dormer und sein Partner Hap (Martin Donovan) in die Kleinstadt Nightmute. Sie sollen der örtlichen Polizei helfen, den Mord an der 17-jährigen Kay aufzuklären. Ihnen zur Seite steht die junge Polizistin Ellie (Hilary Swank), ein Fan von Dormer, der alle seine spektakulären Fälle studiert hat. Dormer geht routiniert und etwas gelangweilt an die Arbeit, spricht mit den Eltern des Opfers, verhört Kays beste Freundin und ihren Freund Randy (Jonathan Jackson), der sich mit ihr kurz vor der Tat gestritten haben soll.
Als in einer abgelegenen Hütte eine Tasche von Kay gefunden wird, stellt Dormer dem Täter eine Falle: Er lässt in der Presse verlauten, dass nach jener Tasche gesucht werde. Gleichzeitig lauert die Polizei am Fundort. Ein Mann erscheint, kann aber entwischen. Bei einem Schusswechsel kommt Hap ums Leben. Getötet hat ihn allerdings Dormer. Gezielt, eiskalt und zunächst überraschend.
Damit nimmt der Film inhaltlich und atmosphärisch die einzige wirkliche Wende. Der Fokus richtet sich immer stärker auf Dormer, gegen den in L.A. wegen Indizienfälschung ermittelt wird. Hap schien dem Druck der internen Ermittler nicht gewachsen und aussagen zu wollen. Dormer fürchtete um seinen makellosen Ruf. Diese Haltung prägt nun auch die Jagd auf den Mädchenmörder - den er einerseits unbedingt fangen will, dem er andererseits das eigene Verbrechen unterschieben muss.
Der wiederum hat das Dilemma seines renommierten Häschers schnell erkannt. Walter Finch (Robin Williams) ist ein Krimiautor, der sich Dormer offenbart und ihm bei einem Treffen einen Plan vorschlägt, durch den die Schuld an beiden Morden auf den ohnehin verdächtigten Randy fallen würde. Dormer lässt sich darauf ein, versucht zugleich aber alle Indizien auf Finch zu lenken. Die Wiederholung einer ähnlichen Manipulation, der er in L.A. angeklagt ist, weitet sich somit zur endgültigen Schicksalsfrage aus.
"Insomnia" besticht nicht im Aufbau durch Spannung. Schon früh liegt alles offen, sind beide Täter bekannt. Auch das Duell zwischen Dormer und Finch wirkt nebenrangig und endet in einem geradezu herkömmlichen Showdown. Atemberaubend ist die optische Konsequenz, die Nolan kongenial als Metaphern für Dormers Zustand nutzt. Obwohl wie ein Gegenstück zu "Memento" angelegt, geht es auch in "Insomnia" um trügerische Momente und nichts ist so, wie es scheint. Der gleißende Schnee am Anfang blendet noch den Blick aus dem Flugzeug und deutet doch daraufhin, dass hier nichts zu verbergen ist. Hap stirbt zwar noch in einem Waldstück, über dem morgendlicher Nebel liegt. Danach aber quält die Sonne, die während des Sommers am Polarkreis nie untergeht, den sonst so souveränen Dormer.
Das Licht strahlt unbarmherzig in die dunklen Ecken seines Gewissens. Manisch verbarrikadiert er das Fenster seines Zimmer, als könnte er so die Wahrheit draußen halten. Doch seine Haken verfangen nicht mehr. Der erfahrene Hase ist müde, seine Zeit läuft ab, das ohnehin langsame Tempo des Films wird immer hypnotischer. Schließlich beichtet er alles seiner Hotelwirtin.
"Insomnia" ist kein Meisterwerk, aber auch kein simpler Mainstream. Die Show gehört noch einmal Al Pacino. Es gibt kaum eine Szene ohne hin. Vielleicht spielt er auch ein wenig sich selbst. Gewiss ist aber: Hätte er nicht mitgespielt, würde man die Größe des Films mehr anerkennen.
"Insomnia", USA 2002. Regie: Christopher Nolan; Drehbuch: Hillary Seitz; Darsteller: Al Pacino, Robin Williams, Hilary Swank, Martin Donovan, Jonathan Jackson; Produktion: Witt/Thomas, Section Eight; Warner Brothers; Verleih: Warner Bros.; Länge: 118 Minuten; Start: 10. Oktober 2002