Interview mit Bryan Singer "Keine Ahnung von 'X-Men'"
SPIEGEL ONLINE:
Was haben Sie mit einem Mutanten gemein?
Bryan Singer: Auf meiner Reise durchs Leben habe ich mich oft einsam und fremd gefühlt. Als Jugendlicher war ich der typische "Nerd", über den sich die anderen lustig machten, und, als ob das nicht schon schlimm genug wäre, ich war noch ein schrecklich schlechter Schüler. Und als Regisseur stehe ich allein im Zentrum der ganzen Filmproduktion, and da komme ich mir häufig recht isoliert vor, egal wie viele Leute mich unterstützen.
SPIEGEL ONLINE: Das macht Sie eigentlich zum idealen "X-Men"-Leser.
Singer: Von wegen. Bevor ich mich mit dem Filmprojekt beschäftigte, hatte ich keine Ahnung von dem Comic. Als man mir die Regie vorschlug, dachte ich erst nicht, dass mich diese Welt interessieren könnte. Aber mein Co-Autor Tom DeSanto ist ein totaler Fan. Auf sein Drängen hin habe ich mich in das X-Men-Universum vertieft und fand es absolut faszinierend. Jetzt bin ich selbst Fan.
SPIEGEL ONLINE: Aber konnte ein Comic-Novize wie Sie die definitive Verfilmung hinkriegen?
Singer: Ich habe mit Leuten zusammengearbeitet, die alle Fans waren, und gerade das war die ideale Konstellation. Ich konnte bei ihnen meine Ideen sondieren, und gleichzeitig habe ich ihnen gesagt: Ich will ein Fan werden und andere Leute zu Fans machen. Wie können wir diese Welt auch für Nicht-Eingeweihte glaubwürdig hinkriegen?
SPIEGEL ONLINE: Der Umstieg von Stoffen wie "Die üblichen Verdächtigen", in denen Charaktere und Psychologie dominieren, fiel Ihnen nicht schwer?
Singer: Für mich war das nur eine natürliche Weiterentwicklung. "X-Men" hat aus meiner Sicht viele Parallelen zu "Die üblichen Verdächtigen". Beide Filmen haben ein Ensemble zwiespältiger Charaktere, die sich auf ihren jeweiligen Missionen befinden. Der einzige Unterschied war der Zeitaufwand, bedingt durch die vielen Spezialeffekte.
SPIEGEL ONLINE: Mit Ihrem ersten Big-Budget-Film waren Sie ziemlich vom Wohlwollen Ihrer Geldgeber abhängig.
Singer: Die meiste Zeit hat uns das Studio allein gelassen. Nur wenn wir mal an einem Tag den Zeitrahmen überzogen, kamen die Anrufe. Verglichen mit anderen Großproduktionen waren wir sogar relativ kostengünstig.
SPIEGEL ONLINE: Fox lehnte Ihre Wünsche, den 85-Millionen-Dollar-Etat aufzustocken, ab.
Singer: Das war schon frustrierend. Ich wollte ja keine Budgetrekorde aufstellen, sondern einfach das Geld bekommen, das ich für angemessen hielt. Ich sagte Ihnen: "Hey, das ist doch "X-Men", habt euch doch nicht so." Und sie sagten: "Das ist das Budget". Worauf ich sagte: "Okay."
SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie Kompromisse eingehen, mit denen Sie nicht glücklich waren?
Singer: Sagen wir's so: Durch diese Einschränkungen kamen wir zu kreativen Lösungen, auf die ich sehr stolz bin. Der Kampf auf der verschneiten Straße hätte viel aufwendiger inszeniert werden können. Aber bei uns kommt der Angreifer ganz plötzlich und verschwindet wieder, was die Szene viel schneller und meiner Meinung nach wirkungsvoller macht. Für die Einführung von Wolverine hatte ich die Idee mit der Bar, die die Handlung stärker in der Realität verankert. Andere Szenen hätte ich bis zum Erbrechen aus verschiedenen Perspektiven filmen können; stattdessen musste ich mich auf einen Master Shot beschränken, der seinen Zweck genauso erfüllte. Und es gibt noch Millionen von anderen kleinen Sachen. Ich könnte den ganzen Film so durchgehen.
SPIEGEL ONLINE: Der Kostendruck der Finanziers auf der einen Seite, der Erwartungsdruck der Fans auf der anderen: Wie haben Sie dabei geschlafen?
Singer: Schrecklich, das muss ich ganz offen sagen. Aber am größten waren die Erwartungen, die ich selbst an mich stellte.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie trotzdem wieder ein Projekt von solchen Dimensionen in die Finger nehmen?
Singer: Das hängt nur vom Drehbuch ab. Jetzt wo ich die großen Abenteuer und die intimen Geschichten gemeistert habe, bin ich offen für alles. Ich bin jederzeit und unbegrenzt flexibel. Das ist meine persönliche Mutantenfähigkeit.