Interview mit Chow Yun-Fat "Ich bin kein Actionstar"
SPIEGEL ONLINE:
Mr. Chow, seit Ihrem letzten Film "Tiger & Dragon" sind über zwei Jahre vergangen. Weshalb die lange Pause?
Chow Yun-Fat: Es ist ja nicht so, dass Hollywood chinesischen Schauspielern Tür und Tor öffnet. Gute Drehbücher mit Hauptrollen für jemanden wie mich sind Mangelware. Dann muss auch noch ein Studio grünes Licht dafür geben. Und es dauert ziemlich lange, bis man die Geldgeber davon überzeugt hat.
SPIEGEL ONLINE: Schätzt man in Hollywood Ihre Starqualitäten nicht?
Chow: Ich bin ja kein arrivierter Star, sondern immer noch das neue Kind in der Nachbarschaft. Erst wenn ich viele Erfolgsfilme gedreht habe, wird man mich voll und ganz schätzen. Dann werden viele Regisseure mit mir arbeiten wollen. Doch jetzt muss ich ganz sorgfältig nach den richtigen Rollen suchen.
SPIEGEL ONLINE: Warum dreht dann Jackie Chan einen Hollywoodfilm nach dem anderen?
Chow: Jackie Chan ist ein Actionstar - im Gegensatz zu mir. Ich habe keine besondere Kungfu-Ausbildung, sondern bin immer schon Schauspieler gewesen. Und ich will nicht ständig mit zwei Pistolen in der Gegend herumlaufen, sondern etwas Besonderes machen.
SPIEGEL ONLINE: Ist der "Kugelsichere Mönch" denn kein Actionheld?
Chow: Die Rolle ist für mich eher untypisch. Ich hänge nicht gerne an Drahtseilen und markiere den großen Kämpfer. Eine emotionale Szene mit einem jungen Mädchen ist mir viel lieber. Außerdem ist der Mönch keine klassische Actionfigur. Über ihn transportieren wir verschiedene Aussagen über den Buddhismus.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, das Publikum versteht diese Botschaften?
Chow: Wenn es "Matrix" verstehen konnte, dann kann es auch mit der Philosophie von "Bulletproof Monk" etwas anfangen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie religiös?
Chow: Ich wurde religiös erzogen. Jedes Jahr bekam ich den Segen der örtlichen Seegöttin. Und meine Mutter ging mit mir regelmäßig in den Tempel. Das war eine andere Art von Buddhismus als der, den der Dalai Lama repräsentiert. Heute bin ich kein hundertprozentiger Buddhist mehr. Aber ich glaube, wenn du ein gutes Herz hast und die Menschen richtig behandelst, dann wird es dir in deinem nächsten Leben gut ergehen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich für dieses Leben etwas Gutes wünschen dürften, was wäre das?
Chow: Zum Beispiel würde ich schrecklich gern wieder mit John Woo drehen. Er hat ein Projekt über den amerikanischen Eisenbahnbau, in dem ich mit Nicolas Cage spielen soll. Ich hoffe sehr, dass es zustande kommt. Dann kann ich wieder mein dramatisches Talent zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie denn nur noch Hollywoodfilme machen?
Chow: Momentan ist das mein Schwerpunkt. Aber wenn ich ein gutes Drehbuch für einen Hongkong-Film bekäme, würde ich sofort zusagen. Ich lebe ja weiterhin in Hongkong; nur zum Arbeiten gehe ich in die USA.
SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie, wenn Sie Ihre Heimat verlassen?
Chow: Das gute Essen, meine Familie und die Gerüche von Hongkong.
SPIEGEL ONLINE: Interessant, wie riecht denn Hongkong?
Chow: Nach allen möglichen Fischsorten und gebratenem Tofu. Ausländer können den Tofugeruch nicht ertragen, aber die Einheimischen lieben ihn.
SPIEGEL ONLINE: In einem Interview sagten Sie, Sie wollten in zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Etwa weil Sie nicht mehr auf diese Düfte verzichten wollen?
Chow: Das stimmt überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil. Schauen Sie sich doch an, was Sean Connery oder Jack Nicholson machen. Das ist auch mein Weg.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Frau Jasmine managt Ihre Karriere. Gibt es Fälle, wo Sie beide unterschiedlicher Meinung sind?
Chow: Sie gibt mir genaue Anweisungen, und ich sage "Jawohl!" und gehorche. - Nein, im Ernst, zwischen uns läuft alles sehr harmonisch ab. Sie führt alle geschäftlichen Verhandlungen für mich und studiert jede Zeile meiner Verträge. Zumal auch ihr Englisch besser als meines ist. Aber wir entscheiden gemeinsam über die einzelnen Angebote und diskutieren jedes Detail einer Rolle.
SPIEGEL ONLINE: Bleibt da noch viel Zeit für Ihre Kinder?
Chow: Wir haben keine. Nur drei Hunde. Wenn wir Kinder hätten, müssten wir sie oder meine Karriere vernachlässigen. Und das wollen wir nicht. Es gibt nur ein Baby in der Familie, das bin ich. Und ein Baby reicht für dieses Leben.
Das Interview führte Rüdiger Sturm