Interview mit Josh Brolin über den Film "Oldboy" - DER SPIEGEL
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"Oldboy"-Star Josh Brolin "Ich war von Kopf bis Fuß zerschunden"

Josh Brolin spielt gern harte Kerle, aber die Dreharbeiten zu Spike Lees Rache-Thriller "Oldboy" waren selbst ihm zu viel. Im Interview spricht der US-Schauspieler über psychische Demütigungen, körperliche Grenzen und wundert sich über das Negativ-Image von Remakes.
"Oldboy"-Star Josh Brolin: "Ich war von Kopf bis Fuß zerschunden"
"Oldboy"-Star Josh Brolin: "Ich war von Kopf bis Fuß zerschunden"

"Oldboy"-Star Josh Brolin: "Ich war von Kopf bis Fuß zerschunden"

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Zur Person
Foto: Chris Young/ AP

Josh Brolin, Jahrgang 1968, gehört zu Hollywoods profiliertesten Charakter- und Action-Darstellern. Seinen Durchbruch erlebte er erst, nachdem die Coen-Brüder ihn 2007 in der Hauptrolle ihrer Cormac-McCarthy-Verfilmung "No Country For Old Men" besetzten. Zuvor hatte Brolin in diversen TV- und Kinoproduktionen mitgespielt, gab die Schauspielerei aber in den Neunzigern wegen Erfolglosigkeit auf, um vorübergehend als Börsenbroker zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brolin, in"Oldboy" kotzen Sie sich voll, hungern sich eine Wampe weg, trainieren sich zum Martial-Arts-Spezialisten und werden andauernd verprügelt. Es ist schon beim Zuschauen eine Qual. Wie waren die Dreharbeiten?

Brolin: Extrem ist gar kein Ausdruck. Ich stieß an die Grenzen meiner körperlichen und psychischen Fähigkeiten. Innerhalb von zehn Tagen legte ich 28 Pfund Gewicht zu, aber auf die unnatürlichste Art: Wassergewicht. Dann mussten 22 Pfund wieder runter, in nur zweieinhalb Tagen. Ich hatte keine Ahnung, was das für Auswirkungen auf meinen Körper haben würde. Gleichzeitig fanden die Proben für die Kampfszenen statt. Wegen der schlimmen Magenkrämpfe konnte ich mich kaum konzentrieren und habe mich andauernd verletzt. Ich habe sehr viel experimentiert bei diesem Film, und glauben Sie mir: Einige Dinge möchte ich nie wieder machen müssen. Das war alles sehr unangenehm, sehr ungemütlich.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Schauspieler erzählen im Interview, wie toll und aufregend die Erlebnisse beim Dreh waren. Sie scheinen sich eher kaputtgemacht zu haben.

Brolin: Es ist nun einmal extrem demütigend, wenn dir deine Grenzen vor Augen geführt werden: die totale Zerfleischung deines Egos. Und das ist es für den Typen, den ich im Film spiele, natürlich auch. Also war das schon okay für mich. Aber ich fand's natürlich nicht unbedingt toll. Dieser Joe Doucette ist mit seinem schlimmsten Feind konfrontiert: sich selbst. Also musste ich mich auch mit mir selbst konfrontieren, mit allen Dämonen, die mich zu jener Zeit auch privat quälten. Dabei geht dir zwangsläufig jeder letzte Rest Coolness, an dem du dich festhalten willst, verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wie baut man sich nach einer solchen Strapaze wieder auf?

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Josh Brolin: Hollywoods Mann fürs Grobe

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Brolin: Wir haben "Oldboy" im Dezember beendet, und im Januar fuhr ich nach Texas zu Robert Rodriguez, um "Sin City 2" zu drehen. Ich wollte da unbedingt mitspielen, aber es gab nicht viel Zeit, sich zu erholen. Robert und ich sind gute Freunde, wir malen gerne zusammen, meistens kommt noch unser gemeinsamer Kumpel, der Künstler George Yepes dazu. Es lief also so, dass wir einen Take gedreht und uns dann zurückgezogen haben, um zu malen. Robert ist großartig. Ich hatte einen Freund gebraucht nach "Oldboy", und er war da. Das hat mir geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich Ihre Gemäldekunst vorstellen?

Brolin: Es ist eine sehr spezielle Art Malerei: Wir projizieren ein Bild an die Wand und malen dann Schicht um Schicht darüber. Ich bin sicher, wir werden die Bilder irgendwann einmal ausstellen.

SPIEGEL ONLINE: Remakes von ausländischen Erfolgen sind eine Spezialität von Hollywood, aber nicht immer geht die Amerikanisierung gut. Hatten Sie keine Skrupel, einen Kultfilm wie "Oldboy" neu zu verfilmen?

Brolin: Als Fan? Klar. Als Profi? Nein. Im Gegenteil: Ich würde gerne mal einen Film von fünf verschiedenen Regisseuren sehen, eine Story, fünf unterschiedliche Perspektiven. Nur darum geht es ja, verschiedene Sichtweisen. Total interessant. Trotzdem lösen Remakes so eine seltsame Empörung aus: Wie können die nur!?

SPIEGEL ONLINE: Ja, genau.

Brolin: Aber das ist doch Quatsch! Sie beklagen sich ja auch nicht darüber, wenn fünf Sänger den gleichen Tom-Waits-Song covern. "Jersey Girl" zum Beispiel: Kaum jemand weiß, dass es eigentlich ein Waits-Song ist, aber alle kennen ihn von Bruce Springsteen, weil er ihn sich auf phantastische Weise angeeignet hat. Manchmal geht das auch schief, klar. Ich habe damals "Nightwatch" gedreht, ein Remake des dänischen Films von Ole Bornedal. Sein Original war großartig, unsere Version eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr "Oldboy"-Remake gelungen?

Brolin: Ich habe dazu meine ganz eigenen Gefühle und bin ein riesiger Fan des Originals. Ich sage mal so viel: Es ist eben unsere Interpretation dieses wundervollen Songs.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit haben Sie sich bei der Ausgestaltung Ihrer Rolle an der Darstellung des Original-"Oldboy"-Hauptdarstellers Choi Min-sik orientiert?

Brolin: Gar nicht. Dabei weiß ich in- und auswendig, was er im Original tut. Aber ich wusste, ich komme nicht einmal ansatzweise an seine Leistung heran. Es gab allerdings eine Sache, die ich auch gerne in unserem Film gehabt hätte…

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie jetzt nicht, Sie hätten auch gerne einen lebenden Oktopus verspeist!

Brolin: Nein, nein, ganz bestimmt nicht! Aber es gibt im Original diese Szene, in der er schläft, während seine Gefährtin seine Tagebücher liest. Er wacht auf, reißt ihr die Hefte weg, fällt zurück und stößt sich dabei den Kopf an der Bettkante. Er reibt sich irritiert den Kopf, und du weißt genau: Das war nicht geplant. Aber sie haben es trotzdem dringelassen. Solche Szenen wollte ich auch in unserem Film haben, weil sich alles so authentisch wie möglich anfühlen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Das Herzstück des Originals ist eine lange, in einer einzigen Einstellung gedrehte Kampfszene, in der sich die Hauptfigur durch einen Korridor voller Feinde prügelt. Diese Szene gibt es auch in Ihrem "Oldboy". Gelungen oder nicht?

Brolin: Ich mochte an der Originalszene, dass Choi so müde dabei aussieht. Er keucht, er atmet schwer, alles wirkt komplett chaotisch, aber dennoch glaubhaft. Die haben das damals nur eineinhalb Tage lang geprobt, das meiste war improvisiert. Tja, wir haben fünf Wochen an dieser Szene gebastelt. Fünf Wochen haben die mit diesen Brettern auf mich eingeprügelt. Das waren echte Bretter, nur leicht angesägt. Das hat mich fast umgebracht: Ich war von Kopf bis Fuß zerschunden. Möglicherweise sehe ich deshalb in unserer Szene ebenfalls sehr müde aus. Trotzdem wünsche ich mir, wir hätten sie ein bisschen weniger intensiv geprobt.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewalt, die in "Oldboy" gezeigt wird, darf man getrost extrem nennen. Haben Sie damit eigentlich gar kein Problem?

Brolin: Wenn Gewalt so demonstrativ übertrieben dargestellt wird wie in "Oldboy" oder in den Filmen von Robert Rodriguez, wo man sieht, dass die abgeschlagenen Köpfe aus Gummi sind, weil sie vom Boden abprallen wie Flummis, dann ist das okay für mich. Echte, realistische Gewalt jedoch, mit der sollte man sehr sensibel umgehen und möglichst die Konsequenz zeigen, wenn jemand wirklich erschossen wird. Zum Glück bin ich nie angeschossen worden, aber ich bin mal mit einem Messer bedroht worden und werde nie vergessen, wie sich das angefühlt hat: Du denkst, das könnte jetzt wirklich der letzte Moment deines Lebens sein. Ich habe großen Respekt vor dieser Art realer Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich in dieser bedrohlichen Situation verhalten. Haben Sie sich gewehrt?

Brolin: Nein, ich bin davongelaufen wie wahrscheinlich jeder vernünftige Mensch. Ich hätte mir vorgestellt, dass ich mich wehre, dass ich zuschlage oder so. Aber… ich bin weggerannt.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Leinwand scheinen Sie sich zu Gewaltthemen und düsteren Charakteren eher hingezogen zu fühlen.

Brolin: Ja, das liegt aber natürlich auch an meiner physischen Präsenz, die Regisseure dazu verleitet, mich in diesen Rollen zu besetzen. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Langsam reicht es mir mit diesen Typen. Vielleicht ist es an der Zeit, femininere Charaktere zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie erleichtert, dass Ben Affleck den Job als neuer Batman bekommen hat? Sie waren auch im Gespräch.

Brolin: Ob ich erleichtert bin? Machen Sie Witze? Das wäre ein sehr interessantes Experiment gewesen, aber es war einfach nicht drin für mich. Schade.

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