Interview mit Mario Adorf "Mich hat die Kristallnacht nie losgelassen"
SPIEGEL ONLINE
: Herr Adorf, Ihr neuer Film "Epsteins Nacht" ist nach den Worten von Regisseur Urs Egger ein Kammerspiel um die Angehörigen einer aussterbenden Generation - die der Zeugen des Zweiten Weltkriegs. Sie selbst waren acht, als der Krieg ausbrach, gehören also auch im wirklichen Leben zu den Letzten, die sich des Krieges noch erinnern können.
Mario Adorf: Ja, ich habe den Krieg als Kind erlebt, und ich wurde am 20. Juni 1944 noch Kriegsfreiwilliger. Glücklicherweise hatte ich einen Gönner, der sagte: 'Sie wollen doch nicht schippen gehen!' Ich bin also wieder nach Hause gefahren, war bei Kriegsende dann aber noch als Melder im Fronteinsatz. Wir hatten die Panzerfäuste zum Einsatz an einer Panzersperre schon geschultert, als ein sehr vernünftiger Offizier uns heim schickte. Und dann war der Krieg auch schon zu Ende - es war der letzte Tag.
SPIEGEL ONLINE: Waren solche Erlebnisse ausschlaggebend für Ihr Interesse an diesem Film?
Adorf: Ja. Mich hat zum Beispiel die Erinnerung an die 'Kristallnacht' nie losgelassen. 1938 war ich acht Jahre alt, und ich weiß noch, dass ich an diesem Tag krank war und nicht in die Schule ging. Als dann die Synagogen brannten, kamen die anderen Kinder mit Taschen voller Bonbons und kleiner Schätze aus den geplünderten jüdischen Geschäften nach Hause und sagten: Du hast ja was verpasst!
SPIEGEL ONLINE: Im Film spielen Sie nun selbst einen Juden. Haben Sie als Katholik gezögert, die Opfer-Seite zu verkörpern?
Adorf: Nein, ich bin immer dafür gewesen, dass in der Schauspielerei nicht der Alkoholiker den Alkoholiker verkörpern soll. Ich finde das unstatthaft, weil das eine Verdoppelung ist und die Dinge vermischt. Was natürlich nicht heißt, dass nicht ein Jude einen Juden spielen darf.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist die Darstellung eines KZ-Insassen durch einen ehemaligen Hitlerjungen zumindest politisch brisant.
Adorf: Ich habe aus diesem Grund auch lange gezögert - nicht, weil ich mir das nicht zutraute, so bescheiden bin ich nun auch wieder nicht. Aber das Thema ist schon eine Belastung. Von dem Ordensheim, in dem ich während des Krieges lebte, konnte ich die Juden-Transporte beobachten, und eines Tages fragte ich eine Ordenschwester, was da für Leute rausgeprügelt werden. Sie sagte, das sind Juden, und dann standen wir beide am Fenster und weinten, dass diese Menschen so misshandelt wurden. In diesem Erlebnis lag vielleicht meine eigene Ambivalenz begründet: Auf der einen Seite eine kritische Haltung - wenn man vom geliebten Führer Adolf Hitler sprach, konnte ich das nicht mitmachen, weil ich den nicht mochte. Auf der anderen aber doch der Hitlerjunge, der jawoll sagte und tat, wie ihm befohlen wurde.
SPIEGEL ONLINE: Eine ambivalente Figur ist auch der Epstein, den Sie im Film verkörpern. Er ist im KZ nicht nur zum Opfer, sondern auch zum Täter geworden, als er zur Rettung seines besten Freundes die Frau, die ihn liebt, an die Nazis verriet.
Adorf: Das ist das Interessante an der Rolle: Epstein ist kein guter Jude, sondern ein ambivalenter Mensch. Er ist subjektiv schuldig geworden, weil er im Lager andere verraten hat. Aber das war üblich. Viele Leute hatten keine moralischen Werte mehr, es ging nur noch um essen und überleben. Alles andere war weg und ist später erst wiedergekommen.
SPIEGEL ONLINE: Relativiert der Verlust der Moral den Verrat?
Adorf: Diese Menschen tragen aus meiner Sicht keine objektive Schuld. Ich erinnere den Verlust der Moral übrigens auch bei mir selbst. Am Ende des Krieges gab es keinen Menschen, den ich gesiezt hätte. Man hat gestohlen, gelogen, alles, um etwas zu essen zu kriegen. Wenn das schon bei uns so war - wie muss es dann erst in den Lagern gewesen sein?