Interview mit Oscar-Gewinner Adrien Brody "Das hilft dir, ein richtiger Mann zu werden"
SPIEGEL ONLINE:
Mr. Brody, ob in "Der Pianist", "Der schmale Grat" oder jetzt in Peter Sehrs schwarzer Komödie "Love The Hard Way", Sie spielen häufig schwierige Charaktere in extremen Situationen. Wollen Sie es nicht auch einmal ganz leicht und angenehm haben?
Adrien Brody: Natürlich möchte ich auch mal leichtere Stoffe spielen, aber bis jetzt habe ich keinen gefunden, der mich interessiert hätte. Es ist schwierig und schön zugleich, Charaktere zu erforschen, die menschliche Tiefe haben und mit inneren und äußeren Konflikten ringen. Ich habe dabei als Schauspieler mehr zu arbeiten und kann mehr über mich selbst und die menschliche Natur lernen.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über sich bei den Dreharbeiten zu "Der Pianist" gelernt?
Brody: Diese Rolle war eine Erfahrung im Schmerz. Einerseits war sie künstlich, andererseits habe ich das alles wirklich gespürt: Ich empfand Verlust, eine unglaubliche Traurigkeit bis hin zu physischen Qualen. Jetzt kann ich mich viel besser in das Leiden anderer Leute hineinversetzen. Und ich bin mir wieder bewusst, wie viel Glück ich habe, selbst davon verschont zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Eine andere traumatische Erfahrung war Terrence Malicks Kriegs-Drama "Der schmale Grat". Sie hatten eine Hauptrolle, die dann fast komplett aus dem Film herausgeschnitten wurde.
Brody: So etwas hilft dir, ein richtiger Mann zu werden. Da habe ich viel über die Realität dieses Geschäfts gelernt. Das größte Problem war, dass ich viel zu spät erfuhr, was geschehen war. Ich hatte schon angefangen, Interviews für den Film zu geben. Als sich dann herausstellte, dass ich kaum darin auftauche, war das schon problematisch. Die Leute hätten denken können, dass ich keine gute Leistung gebracht hatte. Zum Glück bekam ich andere Rollen, um mich zu beweisen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie damals damit fertig? Schlossen Sie sich Tage lang in Ihrem Zimmer ein?
Brody: Am gleichen Abend, an dem ich es herausfand, musste ich mit dem Zug zurück nach Baltimore fahren. Ich drehte gerade "Liberty Heights" mit Barry Levinson; am nächsten Tag stand eine große Szene an, die überraschend vorgezogen worden war. Ich hatte also keine Zeit, mich gehen zu lassen. Das Spiel ging weiter und ich wurde härter.
SPIEGEL ONLINE: Kürzlich sind Sie von New York nach Los Angeles gezogen. Streben Sie jetzt die große Hollywood-Karriere an?
Brody: Eigentlich zog ich wegen einer Frau hierher. Allerdings hat es mit uns nicht funktioniert. Andererseits hat es auch aus beruflicher Sicht Vorteile, wenn du vor Ort bist. Du kannst an Meetings teilnehmen und Regisseure treffen.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, einen klassischen Hollywood-Helden zu spielen?
Brody: Aber sicher. Ich würde ihn nur anders interpretieren. Mein Ziel wäre, ihn ganz einzigartig zu machen und ihm Tiefe zu geben.
SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie wichtig, kommerziell erfolgreiche Filme zu drehen?
Brody: Es wäre natürlich hilfreich, wenn ein Film mit mir viel Geld einspielt. Denn dann würden mich die Studios für bestimmte Hauptrollen anheuern. Und ich bekäme die Angebote für Rollen, die normalerweise an die Schauspieler der A-Liste gehen.
SPIEGEL ONLINE: Dass viele Studiofilme nach Schema F produziert werden, stört Sie nicht?
Brody: Das schon. Aber es ist auch schön, wenn Leute deine Filme sehen. Bei diesen großen Produktionen gibt es ein enormes Marketingbudget. Es ist frustrierend, wenn du eine tollen unabhängigen Film drehst, der dann keine Zuschauer findet.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie würden am liebsten keine kleinen europäischen Filme wie "Love The Hard Way" mehr drehen?
Brody: Nein. So lange es ein bedeutungsvolles Projekt ist, wäre ich immer dabei. Es hat etwas Besonderes, für eine ausländische Produktion zu arbeiten. "Love The Hard Way" wurde zwar in New York gedreht, aber Peter Sehr, der Regisseur hatte einen ganz spezfischen Blick. Er zeigt die Stadt so, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Im Übrigen profitieren unabhängige Filme auch davon, wenn ich große Studioproduktionen mache.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern denn das?
Brody: Wenn ich einen großen Erfolg habe, dann ist es danach leichter, für einen Film mit mir das Geld zu bekommen. Das ist teilweise jetzt schon der Fall. Das heißt, je mehr Zuschauer mich sehen, desto größere kreative Kontrolle habe ich.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als wollten Sie in Zukunft nicht nur als Schauspieler arbeiten.
Brody: Das will ich auch nicht. Ich möchte genauso in anderen Bereichen des Filmemachens mitmischen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Figur in "Love The Hard Way" ist ein verkappter Autor. Wenn Sie einen Film schreiben müssten, wovon würden Sie erzählen?
Brody: Von Individuen mit tragischen Fehlern. Denn das sind wir alle.
Das Interview führte SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Rüdiger Sturm