Interview mit Regisseur Zhang Yimou: "Wir haben die Schere bereits im Kopf" - DER SPIEGEL
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Interview mit Regisseur Zhang Yimou "Wir haben die Schere bereits im Kopf"

Der Chinese Zhang Yimou ("Happy Times") gehört zu den profiliertesten Filmemachern der Volksrepublik. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über den Umgang mit der staatlichen Zensur, die schwierige Situation des chinesischen Kinos und sein neues, hollywoodgerechtes Kriegs-Epos "Hero".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Zhang, Ihr Film "Happy Times" ist die traurige Geschichte eines blinden Mädchens im heutigen China. Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Zhang Yimou: Der Film fußt auf einem Roman von Mo Yan. Er handelt von einem alten, entlassenen Arbeiter, der versucht, sich über Wasser zu halten. Für den Film haben wir die Rolle des blinden Mädchens geschaffen. So entstand eine traurige Komödie.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie mit "Happy Times" Kritik an den heutigen sozialen Verhältnissen Chinas üben?

Zhang: China ist in den letzten Jahren zwar zu einer Gesellschaft des Kommerz mit vielen Unzulänglichkeiten geworden. Aber ich wollte das reine und kostbare Gefühl der Mitmenschlichkeit ausdrücken, das sich unter den neuen Verhältnissen bewahrt hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Film endet traurig. Für den ausländischen Markt haben sie allerdings den Schluss geändert...

Zhang: Ja, eine teure Angelegenheit. Aber viele chinesische Zuschauer fanden das Ende zu plötzlich, auch ich war damit nicht zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nun für das ausländische Publikum ein Happy End in Happy Times?

Zhang: Der neue Schluss ist nicht mehr traurig, eher bitter. Es herrscht Ratlosigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist bereits einige Zeit in China gelaufen. Mit Erfolg?

Zhang: Ja, den Zuschauern gefällt er, der Kassenerfolg ist gut. Das ist überraschend, denn auf dem Filmmarkt herrscht derzeit Depression. Aber das Publikum mag den Hauptdarsteller, einen populären Komödianten, und die Schauspielerin Dong Jie, die das blinde Mädchen spielt. Sie ist mittlerweile eine beliebte Berufsschauspielerin geworden. Als wir "Happy Times" drehten, war sie noch Tänzerin in einem Armee-Ensemble.

SPIEGEL ONLINE: Herrschen denn derzeit glückliche Zeiten für Chinas Regisseure?

Zhang: Beruhigend ist, dass die Situation in China heute stabil ist. Für die Bevölkerung ist das ungeheuer wichtig, denn so kann sich die Wirtschaft entwickeln, das Leben wird besser. Die Erfahrungen der Kulturrevolution haben uns gelehrt, dass politische Bewegungen den Menschen schwer schaden.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeiten sind also gut für die Filmemacher?

Zhang: Nein. Wir haben zwar mehr Freiheiten bei der Auswahl von Themen und hoffen sehr, dass sich die Kultur noch mehr öffnet. Doch es gibt noch viele Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie uns bitte ein Beispiel.

Zhang: Der Filmmarkt steckt in der Krise: Es gehen immer weniger Leute ins Kino. Wir scherzen bereits darüber, dass Kino ein ewiges Thema, aber offenbar kein ewiger Markt ist.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Zhang: Es gibt viele Gründe: Einer davon ist die Produktion von billigen Raubkopien auf CDs und DVDs.

SPIEGEL ONLINE: Bei einer Vorab-Vorführung Ihres neuen Films "Hero" in Shenzhen wurden jüngst die Zuschauer strengstens kontrolliert, damit niemand eine Videokamera hineinschmuggeln konnte...

Zhang: Mit Erfolg. Bislang ist noch keine illegale Kopie von "Hero" aufgetaucht. Die Zuschauer bleiben aber auch aus, weil sie das Fernsehen oder andere Amüsements haben. Wir Regisseure müssen deshalb versuchen, den Geschmack des Publikums besser zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich der in den letzten Jahren geändert?

Zhang: Vor allem die jüngeren Zuschauer wollen heute mehr vergnüglichere Themen als früher. Sie wollen weniger mit Problemen konfrontiert werden. Denn die Lebensweise hat sich in China stark gewandelt. Ein Film wie "Gelbe Erde", der in den achtziger Jahren gedreht wurde, hätte heute keine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: China erlebt dramatische Umbruchzeiten, das Leben vieler Menschen gerät aus den Fugen. Dürfen Filmemacher diese Probleme einfach ignorieren?

Zhang: Das ist eine komplizierte Sache. In China kann man nicht über jedes beliebige Thema einen Film drehen. Es herrschen gewisse Beschränkungen. Gewalt und Sex sind zum Beispiel tabu. Filme dürfen auch nicht Unzufriedenheit mit dem System oder mit der Gesellschaft zeigen. Verboten sind alle Themen, die nach Meinung der Regierung die Zuschauer negativ beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Ökonomisch ist das Land liberaler geworden, aber die Zensur arbeitet wie in alten Zeiten?

Zhang: In der Wirtschaft haben wir viel von kapitalistischen Ländern gelernt. Aber der Film gehört in den Bereich der Ideologie. Die Zensur existiert, seitdem ich Filme drehe. Dahinter steckt ein ganzes System. Es gibt feste Richtlinien und spezielle Organisationen mit Leuten, die für die Zensur verantwortlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, bevor Sie einen Film beginnen, wie weit Sie gehen können? Oder wird das im Nachhinein entschieden?

Zhang: Die Zensurvorschriften sind sehr allgemein gehalten. Jeder Fall wird von einer Kommission des Film-, Fernseh- und Rundfunkministeriums entschieden. Zuerst muss das Drehbuch durch die Zensur, der fertige Film wird dann erneut geprüft.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Film, den Sie gerne drehen würden, den Sie aber gar nicht erst beginnen, weil Sie wissen: Keine Chance?

Zhang: Es gibt viele solcher Dinge. Doch wir Regisseure haben die Schere bereits im Kopf. Wir kennen die Kriterien und fangen deshalb mit heiklen Geschichten gar nicht erst an. Sonst hätte man sich die Arbeit umsonst gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Welches Thema haben Sie im Sinn?

Zhang: Ich würde sehr gerne über die Kulturrevolution drehen, die ich als Jugendlicher erlebt habe. Ich interessiere mich weniger für die politischen Hintergründe als dafür, wie die Menschen damals reagierten. Wir wissen alle, dass die menschliche Natur in solch turbulenten Zeiten schärfer zu Tage tritt als in friedlichen Zeiten, ob es dabei um Liebe oder um Hass geht. Wir Künstler wollen das Wesen des Menschen in diesen Ausnahmesituationen zeigen. Deshalb halte ich Geschichten aus der Kulturrevolution für viel spannender als Geschichten aus der Gegenwart. Aber: Leider ist das unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Dürfen inzwischen alle Ihre Filme in China gezeigt werden? Oder stehen einige noch immer auf der Schwarzen Liste?

Zhang: Alle sind erlaubt, außer "Leben" aus dem Jahr 1994...

SPIEGEL ONLINE: ...der die Geschichte einer Familie von den vierziger Jahren an porträtiert und teilweise in der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 spielt. Warum scheuen die Behörden dieses Thema?

Zhang: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber ich weiß, dass es Vorschriften gibt, nach denen Themen wie die Kulturrevolution, die Kampagne gegen Rechtsabweichler in den fünfziger Jahren und andere politische Bewegungen in der Nachkriegsgeschichte Chinas tabu sind. Es gab nur eine kurze Zeit in den achtziger Jahren, in der es erlaubt war, darüber zu drehen. Damals entstanden unter anderem "Lebewohl meine Konkubine" von Chen Kaige und "Hibiskus" von Xie Jin.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie und ihre Kollegen tun, um sich mehr Freiheiten zu verschaffen?

Zhang: Als Einzelne können wir gar nichts machen. So ist eben die Realität in China. Wir können uns aber bemühen, im vorgegebenen Rahmen etwas Besonderes, Einzigartiges zu schaffen. Vor China liegt noch ein langer Weg. Wir hoffen, dass sich die Lage mit der Zeit bessert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt mittlerweile das Untergrundkino in der Kulturszene?

Zhang: Untergrundfilme gibt es seit über zehn Jahren. Immer mehr junge Regisseure werden in dieser Szene aktiv. Sie unterliegen nicht der Zensur und haben viel Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den Filmen?

Zhang: Da solche Filme nicht in öffentlichen Kinos gezeigt werden dürfen, sind sie auch für mich nicht zugänglich. Meiner Meinung nach sind die meisten Untergrundstreifen für Ausländer gemacht, sie laufen vor allem bei Festivals im Ausland, sie werden aus dem Ausland finanziert.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin scheint dies ein Ausweg für den Nachwuchs, der sich nicht den strengen Regeln der Behörden beugen will.

Zhang: Nein. Ich bin der Meinung, dass dies nicht die richtige Lösung für junge Regisseure ist. Sie verlieren das Publikum in China, sie geben ihre Existenzchancen auf. Sie versuchen nicht, sich an die gegebene Situation anzupassen, sie gehen den Schwierigkeiten aus dem Weg. Aber als chinesischer Regisseur muss man lernen, mit Problemen fertig zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie Ihre Filme während dieser Krise finanzieren?

Zhang: Fast alle Regisseure müssen sich selbst das Geld beschaffen, der Staat gibt keine Unterstützung mehr. Jedes Jahr entstehen über 100 Filme, doch soweit ich weiß, machen die meisten Verlust. Dabei sind viele nach meiner Meinung sehr gut. Deshalb drehen zahlreiche Regisseure inzwischen Fernseh- statt Kinofilme. Das ist profitabler.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie auch, sich Geld aus dem Ausland zu beschaffen?

Zhang: Ja, immer. Alle meine Werke sind deshalb auf den ausländischen Markt angewiesen. Allein vom chinesischen Markt könnten wir nicht leben.

SPIEGEL ONLINE: Ist dann das Risiko nicht groß, dass Sie sich nach dem Geschmack Ihrer Geldgeber richten müssen? Können Sie unter solchen Umständen überhaupt noch chinesisches Kino machen?

Zhang: Zum Glück hat bislang kein Geldgeber von mir verlangt, dass ich für das Publikum im Ausland drehe. Niemand setzt mich unter Druck.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch werden Sie in China häufig kritisiert, nur noch Filme für das Ausland zu machen.

Zhang: Diese Kritik ist völlig absurd. Ich kenne mich im Ausland überhaupt nicht aus, ich spreche keine Fremdsprache. Bei meiner Arbeit denke ich instinktiv nur an die Gefühle der Chinesen, nur ihre Geschichten interessieren mich. Allerdings werden meine Filme überall in der Welt verstanden, weil sie Geschichten über Menschen erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr jüngster Film "Hero", ein historisches Kung-Fu-Epos, war eine sehr aufwändige Angelegenheit...

Zhang: ...der teuerste Film, der je in China entstanden ist. Er kostete 30 Millionen US-Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Verhältnisse wie in Hollywood.

Zhang: Hollywood-Filme haben in China einen großen Markt. Der Druck auf uns ist stark, weil die meisten Chinesen - im Gegensatz zu den Europäern - von US-Filmen noch nicht übersättigt sind und immer mehr davon wollen. Deshalb werden wir oft aufgefordert, von Hollywood zu lernen, seinen Stil zu kopieren. Unter solchen Umständen ist es schwierig für uns, weiterhin Filme mit chinesischem Charakter zu drehen. Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, um diesem Druck standzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Behörden lassen bislang nur 20 US-Filme im Jahr in die Kinos.

Zhang: Richtig. Aber es gibt Videos, CDs und DVDs. Außerdem wird die Zahl der offiziell zugelassenen Streifen schon in den nächsten Jahren auf 40 bis 50 steigen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie optimistisch, dass der chinesische Film eines Tages so populär sein wird wie die Hollywood-Produktionen?

Zhang: Mein Ehrgeiz ist es seit Jahren, den Amerikanern Konkurrenz zu machen. Ich hoffe, dies mit "Hero" zu schaffen. Wenn es gelingt, werde ich noch zwei, drei solcher Kongfu-Filme drehen.

Das Interview führte SPIEGEL-Korrespondent Andreas Lorenz in Zhang Yimous Pekinger Büro

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