Interview mit Wolfgang Petersen: "Wir machen keine Propaganda" - DER SPIEGEL
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Interview mit Wolfgang Petersen "Wir machen keine Propaganda"

Ausgerechnet der als linksliberal geltende Regisseur Wolfgang Petersen, 60, produziert mit "The Agency" eine TV-Serie, die sich eher wohlwollend mit dem umstrittenen US-Geheimdienst CIA befasst. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Propaganda-Vorwürfe und Hollywoods Probleme mit der Realität des Terrors.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Petersen, hat der Terror und Amerikas Gegenschlag auf Afghanistan auch die von Ihnen produzierte CIA-Serie "The Agency" getroffen?

Wolfgang Petersen: Das kann man wohl sagen. Dieses politische und militärische Erdbeben hat uns ganz schön durcheinander gewirbelt, nicht nur emotional, sondern auch beruflich und organisatorisch. Denn da wir uns mit einer Institution wie der CIA auseinander setzen, haben wir in dieser Situation auch eine Verantwortung...

SPIEGEL ONLINE: ..die Sie bewegt hat, den ersten Serienteil, den so genannten Pilotfilm, zu verwerfen, sowie vorerst auf einen Beitrag zu verzichten, der eine Anthrax-Attacke zum Thema hatte.

Petersen: Wir waren in diesen Beiträgen einfach zu nahe an der Wirklichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Als wirkungsvollen, klugen Geheimdienst können Sie die CIA heute nicht mehr verkaufen, oder?

Petersen: Wir machen auf keinen Fall weiter wie geplant. Ein Problem haben wir: Ein halbes Dutzend Serienteile sind bereits abgedreht. Über Synchronisierung können wir ein wenig korrigieren, an der Handlung aber nichts. Es wäre sicher schöner gewesen, wenn wir jetzt mit dem Dilemma anfangen könnten, in dem sich die CIA nun befindet. Uns bleibt nichts anderes, als radikal umzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Vorteil, dass die "Agency" dann auch nicht mehr - wie nach den ersten Folgen - als CIA-Propaganda missverstanden werden könnte?

Petersen: Diese Unterstellung ist totaler Quatsch. Wir machen keine Propaganda.

SPIEGEL ONLINE: Tatsache ist doch, dass Ihre Regisseure ungewöhnlichen Zugang zu der CIA hatten und sie als Gegenleistung die Drehbücher für mögliche CIA-Anmerkungen vorgelegt haben.

Petersen: Die CIA hat unsere Arbeit nicht zensiert. Wir haben uns in der Startphase Rat geholt, das trifft zu, weil wir korrekt und sachlich arbeiten wollen, aber da das schon im Ansatz zu Kritik geführt hat, habe ich allen Autoren untersagt, der CIA Einblicke in Drehbücher zu gewähren.

SPIEGEL ONLINE: In den sechziger Jahren war Wolfgang Petersen ein engagierter Linker, für den die CIA ein unmoralisches, repressives, düsteres Instrument des Kapitalismus war. Nun kooperieren Sie mit den Schlapphüten. Hat sich der Geheimdienst verändert oder der Regisseur seine politische Meinung ?

Petersen: Ich bin noch immer ein ausgesprochen linksliberaler Typ. Auch die CIA hat sich wahrscheinlich nicht dramatisch geändert, aber sie hat erkannt, dass das Ende des kalten Krieges auch für den Geheimdienst mit Problemen verbunden sein würde. Und mit weniger Geld. Also haben die an ihr Image gedacht und sich mehr geöffnet, um zu dokumentieren: Unsere Gesellschaft benötigt Geheimdienste, unser gesellschaftliches System ist weiterhin bedroht. Sicher hat die CIA vor dem Terrorismus gewarnt, aber der Kongress, die Politiker, haben ihnen nicht geglaubt, und wie ich dieser Tage gelesen habe, hat das FBI nicht reagiert. Dieses Drama ist folglich nicht allein den Geheimdiensten anzulasten. Das wäre zu einfach. Auch deshalb wollen wir die CIA in der "Agency" nicht so darstellen, als würden da nur finstere Typen rumlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die CIA gelassener, weil Sie selbst älter geworden sind und von der Notwendigkeit der Spionagearbeit inzwischen überzeugt sind?

Petersen: Ich habe jene sechziger Jahre nicht vergessen, in denen ich in Berlin Steine warf und vor den Wasserwerfern der Polizei wegrannte. Ganz klar, ich bin toleranter geworden. Aber mich interessiert einfach, wie diese amerikanische Institution funktioniert, vor allem, wie George Bush kürzlich meinte, in einer der "dunkelsten Phase der US-Geschichte". In meinem Film "In The Line Of Fire" habe ich mich mit dem Secret Service und dem Weißen Haus auseinander gesetzt, vor Jahren schon, in "Outbreak", habe ich mich mit dem Thema befasst, das nun die westliche Welt erschreckt: dem bio-chemischen Krieg. Ich habe mit diesen Filmen keine politische Erklärung abgeben wollen. Ich bin Filmemacher, kein Propagandist.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein Film wie "Independence Day", in dem Washington in Schutt und Asche versinkt, oder Ihr Werk "Air Force One", die Entführung des amerikanischen Präsidenten, in dieser Schreckensphase noch machbar?

Petersen: Nein, ganz eindeutig nicht. Undenkbar. Aber wird diese Thematik irgendwann wieder möglich sein? Ich denke, ja.

SPIEGEL ONLINE: Also auch wieder Filme über Terrorismus und Gewalt?

Petersen: Nach einer gewissen Zeit, wahrscheinlich. Und dann schlimmer als zuvor. Auf jeden Fall dramatischer. Zyniker in Hollywood könnten sagen: Das passiert uns nicht noch einmal, dass Terroristen im Umgang mit Gewalt einfallsreicher sind als wir. Das lassen wir uns nicht gefallen.

SPIEGEL ONLINE: In einem der Serienteile der "Agency" wird angedeutet, dass die CIA den Irakern, heute der Erzfeind, in den siebziger Jahren die Milzbrand-Bakterien zugespielt hat. Erfindung oder Realität ?

Petersen: Es trifft offenbar zu. Der Irak, damals in Washington wohlgelitten, weil Bagdad gegen die bösen Iraner kämpfte, hatte den chemisch-bakteriologischen Krieg gefürchtet und, für die Entwicklung eines Antibiotikums zum Schutz der Militärs, um Anthrax-Kulturen gebeten. Gesagt, getan. Und nun haben wir den Salat, wie man in meiner Heimatstadt Emden sagt. Vor der Ungewissheit, der Angst, ist dieser Tage keine Flucht mehr möglich.

Das Interview führte Helmut Sorge

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